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Chamonix Camera, ein Mittelständler aus Haining koperiert mit der Traditionsfirma Jobo (est.1923) aus Gummersbach in einem ausserordentlich kompliziertem Geschäft: der analogen Fotografie.

Der Mittelstand (KMU) ist das Rückgrat und Motor der deutschen Wirtschaft. Er stellt etwa 95 % der in Deutschland ansässigen Betriebe und Unternehmen dar, 41,5 % der Unternehmensumsätze kommen aus den KMU, in ihnen arbeiten 57% aller deutschen Beschäftigten. Für die Deutschen ist das alles selbstverständlich – in China dagegen nicht.



So manchem Mittelständler wird bei einem Chinabesuch nicht die Enttäuschung auf dem Gesicht seiner Gastgeber entgangen sein, wenn er nach der Anzahl seiner Mitarbeiter gefragt wurde und dieser stolz mit z.B. „120“ antwortete.

Das Konzept, dass man mit vielen, mittleren und kleinen Unternehmen eine der wettbewerbsfähigsten Wirtschaften der Welt am Laufen halten kann, ist noch immer kein Allgemeingut im reich der Mitte. Viele chinesische Unternehmer haben es gerne groß. Mit klein aber fein zum Hidden Champion? Fehlanzeige! Aber auch das ändert sich gerade. Die Firma Chamonix aus Haining ist so ein Beispiel. Noch wichtiger: Die KMU aus Deutschland und China gehen nun aufeinander zu –Kooperation auf Augenhöhe.


Ich hatte vor einigen Jahren einen Artikel für den Fotoespresso (1/2015) über die Firma CHAMONIX Camera Co., Ltd. und ihren CEO Yu Xiang geschrieben. Zu jener Zeit gewann der Analog-Hype gerade an Fahrt. Die Firma CHAMONIX war seinerzeit nur Eingeweihten ein Begriff und Großformat galt als hoffnungslos exotisch.

Was bisher geschah ...

Mittlerweile sprechen Optimisten von einer Renaissance der Analogfotografie. Ob und wie sich dieser Trend fortsetzen wird, steht in den Sternen. Doch sicher ist, dass die analoge Fotografie einen Platz erobert hat, den sie dauerhaft innehaben kann. Denn es geht dabei gar nicht um das „analoge“ Herstellungsverfahren bzw. das Medium selbst, sondern das „Analog“ steht als eine Metapher für „Contemporary (and Individual) Photography“ im Gegensatz zum Zeitalter der „Documentary (and fast) Photography“, welches wir gerade hinter uns gelassen haben.



Die Fotoindustrie bildet diesen Wandel sehr gut ab. Größere Formate wurden abgelöst durch kleinere – weil billiger und schneller. Dann wurde der Messsucher dem Spiegel mit Autofokus geopfert - weil schneller - und dann wurde der Spiegel aufgefordert zu gehen, und mit ihm der mechanische Verschluss, um elektronisch irgendwie noch schneller und billiger zu werden. Die meisten Bilder werden heute mit dem Telefon gemacht. Von groß zu klein, von langsam zu schnell. Was dabei auf der Strecke blieb, waren eine ganze Menge Freiheitsgrade der Bildgestaltung. Und leider verdampfte auch eine Menge Wissen.

Diese Freiheitsgrade sind in der Reportage weitgehend unwichtig. Folgerichtig befreiten sich die Redaktionen von ihren Fotografen und setzten auf die Euphemismen „Bürgerbeteiligung“ und „Smartphone-Fotografie“ – ist billiger und schneller. Denn nur dies zählt, besonders dann, wenn auch das Medium vom Papier zu Online diffundiert. Es geht gar nicht mehr um das „richtige“ Bild, sondern um die Garnierung eines Textes – und oft um schlichtes Clickbait.



Doch es verging nur wenig Zeit, bis zuerst den Fotoenthusiasten aufging, dass mit der Digitaltechnik, den schrumpfenden Formaten und den abnehmenden Freiheitsgraden, die Austauschbarkeit enorm zunahm. Die allgegenwärtigen Bilderhalden des Internets   zeigen jedem, der es sehen will, die geringe Vielfalt der Digitalfotografie allerorten. Die digitale Fotografie ist nur 10 Jahre alt, und die Sättigung des Marktes ist erreicht. Die CIPA-Daten sprechen eine eindeutige Sprache. Die Taschenkamera hat die „Documentary Photography“ in die Agonie verabschiedet. Jederzeit wird überall und ohne Hemmungen dokumentiert, was die Umgebung (und man selbst) gerade tut. Und selbstredend wird diese Information – soweit sie überhaupt eine ist – sofort millionenfach geteilt.

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet die analoge Fotografie, mit all ihrer Behäbigkeit, den hohen Kosten, den komplizierten und raumgreifenden Prozessen und ihren z.T. angejahrten Geräten, plötzlich genau diese Möglichkeit zur Individualität bietet, die sich die Digitaltechnik voreilig herausgemendelt hat. Der Wunsch nach „Uniqueness“, nach Individualität und die pure Freude am Selbermachen, hat der analogen Fotografie unversehens zu der aktuellen Position in der „Contemporary Photography“ verholfen. Paradoxerweise wird ihr mehr „Wahrhaftigkeit“ im Gegensatz zum dubitativen digitalen Bild (Peter Lunenfeld, „Digitale Fotografie. Das dubitative Bild“, 2000) unterstellt. Das RAW-Bild ist in der Tat sehr roh, während das analoge Negativ/ Dia zahllose Interpretation, mit der Filmwahl, Belichtung, Entwicklung ... bereits über sich ergehen lassen hat.



Die analoge Fotografie kommt nicht mit weniger Technik daher, sondern mit viel mehr davon. Auf analog zu setzen, ist keine Frage der Technikaffinität oder gar Technikskepsis, sondern eine Frage der Affinität zu beinahe unbegrenzten Möglichkeiten.


Osten trifft Westen - Jung trifft Alt

Die Firma CHAMONIX Camera Co., Ltd. wurde 2004 gegründet. Also schon im digitalen Zeitalter, aber noch lange vor der Analogrenaissance. Yu Xiangs Intentionen für die Firmengründung habe ich im o.g. Artikel beschrieben. Ihm ging es anfänglich darum, eine Kamera zu schaffen, die all seinen Anforderungen für Hobby und Beruf entsprach. Digitalkameras konnten und können dieses Pflichtenheft nicht erfüllen.
Anfänglich wurden die CHAMONIX - Kameras ausschließlich für einen kleinen, privaten Kundenkreis gefertigt. Der wuchs immer weiter an – und dies ohne zusätzliches Marketing. Der Vertrieb, soweit man überhaupt davon sprechen konnte, funktionierte auf Zuruf. Lediglich in China gab es eine Struktur, die modernen Aftersales-Anforderungen entsprach – bis hin zur „Lifetime Warranty“.

Der wichtige europäische Markt wurde mehr schlecht als recht aus den USA über einen Zwischenhändler bedient. Die Möglichkeiten, in Deutschland eine CHAMONIX-Kamera zu kaufen, waren stark eingeschränkt und am besten mit „rustikal“ zu umschreiben. Hinzu kam, dass aufgrund des Fehlens einer strikten Vertriebslinie, sehr viele Individualherstellungen die Fertigung verstopften. Es gab erhebliche Wartezeiten. Grundsätzlich funktionierte das alles ... irgendwie. Doch mit dem Boom der analogen Fotografie – und mit ihr auch der Wiedergeburt der Großformatfotografie – musste einiges geändert werden. Das übliche Vorgehen in China ist, dass man das Unternehmen entsprechend skaliert. Also einen internationalen Vertrieb etabliert, mehr Leute einstellt usw. usf. Doch genau das wollte Yu von Anfang an nicht. Im o.g. Artikel äußerte er damals, „Normale chinesische Unternehmen expandieren sehr schnell, und wenn die Situation sich ändert, entlassen sie auch ganz schnell wieder. Das mag ich überhaupt nicht. Deshalb sind wir sehr vorsichtig und konservativ bei Neueinstellungen. Ich möchte meinen Mitarbeitern einen vernünftigen Arbeitsplatz, anständigen Lohn und Zukunftssicherheit bieten.“

2014 hatte CHAMONIX 13 Mitarbeiter - mittlerweile sind es 16. Bemerkenswert ist, dass der Mitarbeiterstamm von 2004 bzw. 2013 immer noch dabei ist. Wer das Jobhopping in China bzw. Asien kennt, kann einschätzen, wie ungewöhnlich das ist.

2016 hat das Urgestein der analogen Fotografie, JOBO International GmbH, den Europa-Vertrieb für CHAMONIX übernommen. Damit wurden einige Effizienz-Bremsen gelöst. CHAMONIX konnte sich von nun an auf die Herstellung konzentrieren – inklusive Sonderanfertigungen. Lediglich der Vertrieb in China selbst – immer noch der größte Markt – verblieb bei CHAMONIX. Aber selbst dieses Vertriebsgebiet steht zur Disposition.

Mit dem Advent der Digitalfotografie wurde das Wissen um die Analogfotografie oft als nutzlos angesehen. Heute ist es ohne weiteres möglich, einen digital sozialisierten Fotoeleven mit einem Blendenring aus dem Konzept zu bringen. Es geht dabei ja nicht nur um die Kenntnis um dessen Existenz, sondern auch um die Freiheitsgrade, die sich hinter diesem Konzept verbergen.

Yu Xiang war schon sehr früh klar, dass man diesem Wissensverlust begegnen muss. Doch dazu müsste man erst mal wissen, wie die jüngere Fotografengeneration so tickt. Er wählte, auch aus diesem Grund, einen ungewöhnlichen Weg. 2014 ließ er sich in Prag immatrikulieren, um europäische Fotografie zu studieren. Im Alter von 45 Jahren und mit einem BA für Photography/Cinematography der renommierten Beijing Film Academy in der Tasche. Gleichzeitig organisierte CHAMONIX in China ein kleines Netzwerk von Kunden, die in der Lage sind, ihr Wissen weiter zu geben. Analoge Labors, Workshops, Ausstellungen, Medien ... schießen im Moment überall in China aus dem Boden. Doch die Digitaltechnik hat eine ziemliche Wissens-Schneise geschlagen. Simple Zusammenhänge müssen neu kommuniziert werden. Das geht umso einfacher, je weniger „sophisticated“ die Technik - also z.B. die Kamera - ist. View-Cameras drängen sich diesbezüglich geradezu auf. Workshops sind - als ein weiteres Produkt – zweifellos eine Einnahmequelle für die Veranstalter. Nicht selten ist dies für Manche der einzige Zweck – und keineswegs die Wissensvermittlung. Auch hier hat die Digitaltechnik verbrannte Erde hinter sich gelassen. Yu Xiang bzw. CHAMONIX geht es darum, die Wissensvermittlung auf ein hohes Niveau zu heben. In der Wissensvermittlung in der westlichen Welt setzt Yu Xiang ebenfalls auf eine Zusammenarbeit mit JOBO.

Es ist eine Binsenweisheit, dass keiner eine analoge Kamera kauft, bzw. sich an dessen Prozesse wagt, wenn er nicht den Hauch einer Ahnung hat. Dabei geht es ausdrücklich nicht um die Klientel, die früher „analog war“ und dann zu Digital wechselte. Die braucht sich nur zu erinnern – falls das noch geht ... Es geht um die Generation, mit der Yu Xiang gerade in Prag studiert hat, denen dieses Wissen bzw. die Fertigkeiten komplett fehlen.

Der Wert des Wissens wird im Osten - und besonders in den konfuzianischen Ländern (China, S’pore, Japan, Korea), anders gemessen, als in Westeuropa oder gar in den USA. In den konfuzianischen Ländern steht Bildung an oberster Stelle im familiären Finanzplan. Man ist in Asien viel eher geneigt, größere Beträge für die Erweiterung des Wissens auszugeben. Die sprichwörtliche Flexibilität sorgt außerdem dafuer, dass analoge Fotografie in Asien zum Massenphänomen wird. Umgekehrt kann die grundsätzlich nachhaltigere und z.T. gründlichere Herangehensweise des Westens - bei einer richtigen Verschmelzung der beiden Vorzüge – dafuer sorgen, dass die (komfortable) Nische der analogen Fotografie sich dauerhaft etabliert, professionalisiert und vor allem weiter entwickelt.

CHAMONIX und JOBO sind auf einem richtigen Weg. Sie haben mit ihrer Kooperation die Möglichkeit geschaffen, die Kräfte beider Kulturkreise für die analoge Fotografie, aber auch für die Kunst (oder sagen wir Contemporary Photography) freizusetzen.


Interview

Sven Tetzlaff, Kathai Media: Kannst du mir etwas über den JOBO-Deal erzählen?

Yu Xiang: Ich habe mit JOBO im Juni 2016 das erste Mal Kontakt aufgenommen und mich dort mit Johannes Bockemühl unterhalten. Ich dachte immer darueber nach, wie man die analoge Fotografie erhalten und weiterentwickeln kann. Ich kam zur Erkenntnis, dass es wichtig ist, dass man sich in der Industrie zusammentut. JOBO ist eine alte Marke mit einer erheblichen Reputation. So viele Menschen kennen JOBO. Was könnte besser sein, als beide Firmen zusammenzubringen? Im September 2016 habe ich mich mit Johannes auf der Photokina getroffen. Dort haben wir alles beredet und schon Ende Oktober haben wir die Katze aus dem Sack gelassen. Aber wir haben nicht nur darüber gesprochen, wie JOBO und CHAMONIX mehr verkaufen können, sondern vor allem über unsere gemeinsamen Ideen und Ansichten über die analoge Fotografie allgemein, und über die Industrie im Besonderen. Das war sehr anregend.

Kathai: Nach der erste Pressemeldung über die Kooperation habe ich mir zuerst die Preise angeschaut. Ich war überrascht und erfreut, wie fair die sind. Das ist nicht selbstverständlich. Gerade jetzt, wo jeder auf den analogen Zug aufspringen will. Ich habe das aus der analogen Szene in Europa vernommen, dass die Leute sehen, diese Beziehung zwischen JOBO und CHAMONIX ist vor allem langfristig angelegt. Es geht eben nicht um den schnellen Schnitt.

Yu Xiang: Ja, das stimmt. Unsere Kooperation ist nicht nur am Verkauf orientiert, sondern wir achten auf die gesamte Produktlinie, vom Material, über die Kamera, den Filmprozess, bis zum fertigen Bild. Außerdem wollen wir gemeinsam neue Produkte entwickeln. Wie z.B. Wetplate Kollodium Equipment und andere traditionelle Techniken. Eventuell auch digitale Produkte für das Großformat. Johannes hat bereits einiges digitales Equipment entwickelt und wer weiß, vielleicht können wir da mehr machen.



Kathai: Was ist mit Entwicklerequipment für Wetplate? Wie groß ist der Markt eigentlich?

Yu Xiang: Ja, so etwas z.B. Aber da ist noch mehr. Ich denke, dass wir uns auf junge Nutzer konzentrieren müssen. Solche Menschen, die mit digital aufgewachsen sind und nun davon gelangweilt sind und sich eingeschränkt fühlen. Die suchen nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Wir können einen Weg zeigen und ihnen technisch entgegenkommen. Ein Weg ist es, Großformat-Workshops anzubieten. Also solche, unter professioneller Anleitung mit einem sehr professionellen Anspruch. Es geht auch darum, “altes Wissen” weiterzugeben. CHAMONIX ist ein junges chinesisches Unternehmen, welches nun mit einem fast 100 Jahre alten deutschen Unternehmen kooperiert. Das ist auch ein Symbol.

Kathai: Der Analog-Hype ist im Moment nicht zu übersehen. Siehe Kodak, Polaroid oder Fujifilm. Da ist sicher ein Markt, wenn auch ein Nischenmarkt. Eventuell mit einer guten Perspektive. Was denkst du über die Zukunft - den Markt?

Yu Xiang: Unsere Generation war daran interessiert „uniques Zeugs“ zu schaffen, vor allem um zu zeigen, wir sind einzigartig und eben nicht wie alle Anderen. Und daraus erwuchs auch die Fähigkeit, Dinge selber zu machen. Aber es gab eine Zeit, wo diese Fähigkeit zu DIY verloren ging. Und die junge Generation ist dabei, diesen Fehler wieder gut zu machen. Denn sie haben erkannt, „Oh irgendwie ist das immer alles derselbe Kram. Nicht schlecht, aber nicht unique.“ Aus dieser Selbsterkenntnis sind die Trends wie MAKER oder eben zur anlogen Fotografie zu erklären. Diese Generation entscheidet oft über die Sichtbarkeit im Internet. Und da sind wir, JOBO als eine traditionelle Firma und CHAMONIX als Vertreter der jungen Generation. Und natürlich liegt in dem Anspruch auf Individualität auch ein Markt.  



Kathai: Wie entwickelt sich der Verkauf seit Kooperationsbeginn?

Yu Xiang: Bislang ist noch nicht genügend Zeit vergangen, um da grundsätzlich was zu sagen. Ich denke, es gibt mehr Verkäufe vor allem in Europa. Es ist ein bisschen paradox, dass chinesische Kunden eher europäischen Brands trauen als chinesischen. Manchmal bouncen Anfragen von Europa zurück nach China. Mit der Kooperation sehen wir plötzlich einen größeren Verkauf ein China selbst. Entsprechend denken wir über ein gemeinsames Brand nach. Aber noch einmal, entscheidend für den langfristigen Erfolg wird es sein, mit professionellen Workshops, also mit Tutoren, die schon lange in der Großformat-Fotografie stehen, das Wissen an die junge Generation weiter zu geben. Die Jugend fragt danach - also müssen wir jetzt liefern! Ich habe 2016 nur zwei Workshops in China gemacht. Einer in Beijing und ein weiterer in Hangzhou. Für 2017 haben wir das dramatisch ausgebaut - auch in Deutschland und Spanien. Und CHAMONIX ist ja nicht der einzige Hersteller auf dem Markt (lacht).

Kathai: Denkst du, dass sich die analoge Fotografie mehr internationalisiert?

Yu Xiang: Ja, ich sehe drei generelle Hauptmärkte für die analoge Fotografie: China, USA und Europa. CHAMONIX selbst ist im Moment stark in China (was gut ist) und in Deutschland. Entsprechend werden wir unser Engagement dort, wo wir nicht so sichtbar sind, ausbauen. Das gilt besonders für die USA.

Kathai: Kommen wir zu einem anderen Thema. Bei unserem letzten Interview erzähltest du, dass du in Tschechien nochmal zur Schule gehen möchtest. Was ist daraus geworden?

Yu Xiang: Ja, ich habe vier Jahre in Prag gelebt. Ich habe gelernt, dass die europäischen Fotografen sehr viel unabhängiger und individueller in ihrer Kunst sind, als die amerikanischen oder chinesischen Fotografen. Europäische Fotografen sind vielleicht auch nicht so „social“ wie die anderen. Chinesen oder Amerikaner hocken doch mehr auf einem Haufen, machen Party usw. - Europäer eher nicht. (Lacht) Ich mag die europäische Art, doch dies ist manchmal eine Hürde für junge Leute, die mit den neuen Medien sozialisiert wurden und z.B. ihre Großformat-Bilder auf Instagram tauschen wollen. Das Studium hab ich Oktober 2017 abgeschlossen und dann 2018 meine Masterthesis verteidigt.

Kathai: Wie ist das, mit lauter Youngstern auf der Schulbank zu sitzen. Gerade wenn das Wissen in der Fotografie schon so fortgeschritten ist, oder die Lehrer eventuell jünger sind als du?

Yu Xiang: Das Studium hat mich sehr überrascht und ich habe viel Neues gelernt. Ich habe 3 Jahre selber in China an der Uni unterrichtet und nun war ich wieder Student. Das Bildungssystem ist völlig anders, als das, was ich aus China kannte. Die Fotografie-Technik war nicht wichtig für mich – meine Technik ist fortgeschritten genug, was mir auch meine Lehrer bestätigten. Der Hauptgrund für mich war zu erfahren, wie das ganze System der Fotografie in Europa funktioniert, die ganze Theorie, die Beziehungen zu anderen Kunstformen, die Geschichte ... also dieser ganze kulturelle Background. Ich glaube die gesamte Foto-Theorie in Europa ist eigenständiger und weiter entwickelt, als in China, wo sie sehr an der Malerei hängt. Aber die Theorie geht der Praxis voraus. Man kann das nachlesen in Walter Benjamins, „Geschichte der Photographie“ (1931). Es ist tatsächlich so, dass die Fotografie schlussendlich eigentlich nichts mit Technik zu tun hat.

Kathai: Das bringt mich zu der letzten Frage, was denkst du, wohin sich die chinesische Fotografie hin entwickeln wird?

Yu Xiang: Ich denke, dass die „Documentary Photography“ ausstirbt. In China und auch überall sonst. Ich habe das in Prag gesehen, dass dieses Department kaum Nachwuchs anzog. Die Leute sind mehr an der „Contemporary Photography“ interessiert. Diesen Trend sehe ich genauso in China. Die Fotografie erfährt gerade eine große Zeit der Veränderung. Wenn man so will, nähert sich die Fotografie dem Konzept der Malerei wieder an. Diese Veränderungen sind weltweit. Das die chinesische Fotografie durch seine Nähe zur Malerei davon partizipiert, ist eher ein Zufall.