Kathai Media führte auf der SNEC zahlreiche Interviews mit deutschen Unternehmen. In diesen Gesprächen kristallisierten sich einige Themen heraus, die wir auch in Zukunft weiter beobachten wollen. Eines dieser Themen ist Afrika-China. Ein anderes Thema ist der Fachkräftemangel in China. Dabei geht es nicht um das Buzzword Fachkräftemangel, welches in Deutschland gerne bemüht wird, wenn man eigentlich niedrigere Löhne meint. Sondern es liegt die Betonung auf Fachkraft. China hat bekanntlich kein duales Ausbildungssystem. Aber selbst wenn es dies gäbe, ist die Situation immer noch kompliziert genug. Viele Eltern in China können es sich nur schwer vorstellen, dass ihr Zögling eine Berufsausbildung, statt eines Studiums machen soll. Der Status einer solchen Lehr-Biographie ist denkbar schlecht. Umgekehrt möchten die frischen Bachelors und Master keine Funktionen übernehmen, die mit einem Facharbeiter besetzt werden könnten. Ein Dilemma.


Die Firmen müssen also entsprechend beigehen und ihre Fachkräfte in möglichst kurzer Zeit selber ausbilden. Die Bindung zum Unternehmen wird in aller Regel über ein entsprechendes Gehalt realisiert. Sollte sich die Balance verschieben, ist die nun ausgebildete - oder besser angelernte – Fachkraft wieder weg. Fundierte und universelle Lehrpläne, die in Berufsschulen vermittelt werden flankiert von praktischer Ausbildung in Firmen, könnte diesen Knoten auflösen. Deutschland setzt dieses Konzept seit vielen Jahrzehnten erfolgreich um. Was spricht also dagegen, dies nach China zu exportieren bzw. in die bestehenden Systeme zu integrieren? In der ChangXing-Entwicklungszone gibt es bereits chinesische Berufsschulen, die das duale System adaptieren. (Kathai wird berichten) Eigentlich musste eine solche Vorstellung die potenten Bildungsträger in Deutschland elektrisieren?

Institutionen, die mit dieser Tradition entstanden und gewachsen sind, sind die deutschen Industrieverbände, wie der VDE oder VDMA. Insofern freuen wir uns, ein Interview mit Burkhard Holder, dem Geschäftsführer von VDE Renewables hier bei Kathai Media präsentieren zu koennen.

Burkhard Holder, Geschaeftsfuehrer VDE Renewables

Sven Tetzlaff/ Kathai: Wie ist das Geschäft mit den Erneuerbaren?

Burkhard Holder: Das Geschäft mit den Erneuerbaren muss man differenziert sehen. Hier in Asien ist es hervorragend. Aber wir haben ein bestimmtes Thema schon öfter mit verschiedenen Stakeholdern besprochen, wir müssen dauerhaft auf die Qualität achten. Sie wissen, dass wir weltweit eine Reduktion der Förderungen haben. Es gibt immer neue Förderbedingungen von der politischen Seite und die Förderungen selbst verschieben sich immer mehr in den privaten Investment-Sektor von Banken, Versicherungen und der privaten Fonds. Daher müssen wir darauf achten, dass die Qualität stimmt und dass die Banken ihre Risk-Mitigation in einer professionellen Weise durchführen können.  

Muenchner Rueck Versicherung und Chint Elektro unterzeichnen einen Vertrag.

Kathai: Wir haben auf der Messe von mehreren Firmen das Problem des Fachkräftemangels gehoert. Es gibt verschiedene Initiativen, das deutsche duale Ausbildungssystem in China zu implementieren. Hat der VDE da schon Ideen?

Holder: Sie sprechen einen heiklen Bereich an. Das ist die globale Kompetenz im Bereich erneuerbare Energien. Wir als VDE haben in einigen Bereichen, vor allem bei den neuen Themen wie Energiespeicher, Grid-Codes usw. die Kompetenz, Energieversorger bei der Integration von erneuerbaren Energien zu beraten und dann die Verbindung zu Powerstations zu organisieren. In diesem Bereich fehlen weltweit Fachkräfte.
Um auf die Frage zurückzukommen: Ja, der VDE hat in Kuerze Gespräche auf höchster Ebene hier, um dieses duale Ausbildungssystem zu forcieren und vor allen Dingen in den Bereichen, wo wir in einer Vorschau von 3, 5, 7, 10 Jahren sehen, dass wir hier extreme Engpässe haben werden, wie z.B. bei den Speichern. Wichtig ist, dass wir jetzt gemeinsam was tun. Also in diesen Bereichen die Ausbildung vorantreiben. Ein anderes Problem, was der VDE sieht und wo wir aktiv Maßnahmen ergreifen: Wir haben viele junge Leute an den Universitäten, die zur Zeit nach ihrer beruflichen Zukunft schauen. Diese Studenten sind zwar von der fachlichen Ausbildung fertig, aber sie sind nicht bereit für den Markt. Nicht bereit für die Industrie, für Gespräche mit Banken und Versicherungen, die wir ja brauchen, wie eben schon ausgeführt. Wir werden dazu Maßnahmen einleiten, neue Formate und Konzepte für Trainee-Programme, die global sind, zu entwerfen. Das gilt besonders für die global orientierten EE. Daher werden wir uns um dieses ganze Thema Ausbildung und Berufsorientierung intensiv kümmern.

Kathai: Das duale Ausbildungssystem funktioniert ja in Zusammenarbeit mit den Unternehmen. Wollen Sie jetzt ihre Mitglieder hier in China überzeugen, an solchen Initiativen teilzunehmen, oder haben Sie schon chinesische Unternehmen im Fokus? Wie ist ihre Strategie?

Holder: Natürlich kümmern wir uns um unsere Mitglieder, das tun wir seit 125 Jahren in guter Art und Weise. Aber hier geht es nicht nur um VDE-Mitglieder, sondern hier geht es um grundsätzliche Anpassungen und Änderungen, wie z.B. der Einführung eines dualen Systems und der Maßnahmen, die ich eben genannt habe. Der VDE versucht hier als Treiber der Energiewende, ganz gezielt im Bereich der Ausbildung, beim Kompetenzaufbau junger Leute mitzuhelfen. Und da interessiert es am Anfang nicht, ob Sie VDE-Mitglied sind. Natürlich freuen wir uns über jedes neue junge Mitglied, das an der Energiewende aktiv mitwirken will. Es geht darum, dass wir das überhaupt schaffen. Jeder ist willkommen mitzumachen.

Kathai: Gibt es schon Finanzierungskonzepte oder warten Sie erst die Gespräche mit der chinesischen Regierung ab?

Holder: Wir haben mehrere Gespräche - übrigens nicht nur mit der chinesischen Regierung, sondern auch von anderen Ländern, die jetzt stark auf Erneuerbare setzen, z.B. aktuell Afrika. Hier in China werden wir in Kuerze in Zusammenarbeit mit der der deutschen Regierung in den Gesprächen erläutern, wie wir unsere Erfahrungen im dualen Ausbildungskonzept gut in das chinesische System integrieren könnten.

Kathai: Es gibt die initiative One-Belt One-Road von chinesischer Seite. Was viele deutsche Unternehmen, die in China produzieren, noch gar nicht vollständig realisiert haben, dass mit dieser Initiative ihnen ein Portal in z.Z. 64 weitere Länder aufgestoßen wird. Ist das im Sinne des VDE und wenn ja, denken Sie, dass der VDE daran partizipieren kann.

Holder: Zum letzten Teil der Frage zuerst, ja, der VDE partizipiert heute schon davon, dass gerade in diesen Ländern des OneBelt - oder anderer Initiativen - also überall da, wo man sich wirklich festlegt auf eine ausreichende und gute QS von EE-Systemen, ueberall da, wo auf der Energieversorgerseite umstrukturiert wird, überall da, ist das Wissen vom VDE gefragt und dort sind wir auch gut im Geschäft. Wir haben ja gerade parallel den großen Financial Summit in Shanghai, mit sehr vielen Vertretern aus Regierungen, Finanzen, Versicherungen und der Industrie natürlich. Dort tauschen wir uns aus und lernen von den anderen Märkten und versuchen mit diesen Erfahrungen kontinuierlich die Qualitätskriterien und Bankability-Kriterien zu Verbessen. Bankability ist ja nicht nur ein Begriff oder eine Definition, sondern eher eine lebende Initiative, die man immer weiter verbessern muss, weil sich die Technologien ändern, weil sich die Rahmenbedingungen ändern, z.B. bei Finanzierungen (wie z.B. die Crowdfinanzierungen in China) usw. Darauf muss man maßgeschneiderte Qualitätslösungen anbieten. Man kann das nicht alles mit vorhandenen internationalen Standards unter IEC oder UL abfangen. Man muss das anpassen. Ich habe gerade ein Panel mit führenden Vertretern der Banken und unserem Partner dem Fraunhofer moderiert. Wir besprachen, dass dies ein ganz wichtiges Kriterium ist, um unserem langfristigen Ziel - Terawatts PV in den weltweiten Märkten zu haben - mit OneBelt und anderen Initiativen, erreichen zu können.

Afrikanisch-Chinesiche PV-Initiative (Mitte H.J.Fell)

Kathai: Ganz aktuell ist auf der Messe eine neue Chinesisch-Afrikanische-PV-Inititative gegründet worden. Wie bewertet der VDE solche Initiativen?

Holder: Ich komme gerade aus Südafrika und wir hatten dort ein sehr erfolgreiches Utility-Forum welches von unserem Partner der Utility-Global-Initiative organisiert wurde. Der VDE hat das CEO-Forum der anwesenden afrikanischen Utilities moderiert. Und wir haben genau die Punkte, die für die Energieversorger Afrikas wichtig sind, besprochen. Also Qualität, saubere Einbindung der Netze, Netze allgemein ... Also alles, was wichtig ist, um einen Wandel weg von Kohle und Atomkraft, hin zu EE zu schaffen. Und auch das Thema, des vorhandenen Fachkräftemangels, den auch Afrika hat, wurde intensiv besprochen. Es gibt sehr viel Unsicherheit bei den Energieversorgern bezüglich Fachkräfte. Da müssen wir noch jede Menge Arbeit leisten. Gerade mit einem guten Dialog, wie sie der VDE organisiert, wo wir die Banken und Versicherungen mit einbinden, weil ein Energieversorger alleine oder eine afrikanische Regierung einzeln, das nicht stemmen kann. Das geht nur zusammen. Wichtig ist, wo wir jetzt in Afrika einen Neuanfang mit viel Potential sehen, dass man darauf achtet, dass die Korruption begrenzt wird damit der Markt sauber funktionieren kann und Fehler, die wir auf anderen Märkten schon gemacht haben, dort nicht wiederholt werden.  

Kathai: Es könnte ja durchaus die kuriose Situation entstehen, dass Deutschland das duale Ausbildungssystem erfolgreich in China implementiert - was bislang ja nirgendwo sonst auf der Welt funktioniert hat - und die Chinesen dieses Tool der Ausbildung auch in Afrika erfolgreich integrieren werden. Afrika und China kann man heute schon kaum noch getrennt betrachten. Können Sie sich sowas vorstellen?

Holder: Natürlich! Sowas kann passieren. Wir versuchen, weiterhin im Driverseat zu sitzen, nämlich weil wir unsere Erfahrungen gemacht haben. Ich denke, Deutschland hat eine sehr hohe Qualität bei diesem Ausbildungssystem erlangt - aber das ist ja nicht über Nacht gekommen. Man kommt da nur durch ständige Verbesserungen hin. Aber es kann natürlich niemand verhindern, dass dieses deutsche Erfolgsmodell nach Afrika kopiert wird. Wir würden gerne dabei sein, nicht nur, weil wir ein zusätzliches Geschäft machen wollen, sondern weil wir letztlich auch einen nachhaltigen und vernünftig- funktionierenden Beitrag zur Energiewende leisten wollen.  

Kathai: Vielen Dank für das Gespräch!

Sven Tetzlaff

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