Am Freitag, dem 8. Juni ist das „20th China Zhejiang Investment and Trade Symposium“ in Hangzhou zu Ende gegangen. Kern dieser Symposien ist das Matchmaking zwischen potentiellen Investoren – überwiegend aus China – und kapitalsuchenden Unternehmen, wie z.B. aus dem deutschen Mittelstand bzw. des Handwerks, dessen chinesische Vertretung des ZDH (Zentralverband des deutschen Handwerks) in einer Präsentation 5 Projekte vorstellte. Darunter ein Aviation-Projekt, unbemannte Boden-Fahrzeuge, E-Mobiles usw. Wir werden später darueber berichten, wie erfolgreich das Fundraising des ZDH in China gewesen ist ...

Frau Fang Zhaoxia, ZDH China

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr der Vortrag von Siemens China von Wang Weiguo. Siemens lüftete den Vorhang über einen Teil seiner strategischen Ziele in China, Asien und der Welt. Dieser Vortrag war letztlich Anlass für diesen Artikel. Wang zeigte, wie sich Siemens China die Änderungen der Arbeitswelt – und besonders die Arbeitnehmersituation – in China vorstellt. Asien und besonders China wird als erstes diese Transition erleben.

Siemens beschreibt den Verlust der Arbeitskraefte (Klick fuer groessere Ansicht)


Zu diesem Thema – welches sich in China schon in einem fortgeschrittenen Stadium befindet – tourt in Europa Frau Anke Domscheit-Berg mit ihrem Vortrag, „Wandel der Arbeitswelt – Die dritte industrielle Revolution.“ Ich hatte bei meinem letzten Deutschlandaufenthalt als Korrespondent, die Gelegenheit, diesen inspirierenden Vortrag live zu erleben und sie danach – trotz fortgeschrittener Zeit – noch kurz zu interviewen:

 

Frau Anke Domscheit-Berg, MdB

Sven Tetzlaff/ Kathai Media: Wie stehen Sie persönlich zu chinesischen Investitionen in Deutschland oder Europa, vor allem vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt.

Anke Domscheit-Berg: Unsere Welt ist eine globalisierte Welt. Sich dem zu verschließen, halte ich für eine schlechte Idee. Wir (als Deutsche) sind ja immer stolz darauf, eine Exportnation zu sein und in andere Länder zu investieren. Ich finde nicht, dass man dann sagen kann, andere Länder sollten nicht bei uns investieren. Das muss schon in beide Richtungen gehen. Daher finde ich es grundsätzlich völlig in Ordnung.

In welchen Bereichen dann wie und wie viel investiert wird, ist nochmal eine andere Frage. Diese Frage stellt sich weniger nach Inland vs Ausland, sondern betrifft privat vs öffentlich. Breitband z.B., will ich von gar keinem privaten Unternehmen - ich wills nicht von einem chinesischen Unternehmen, ich will es aber auch nicht von der Deutschen Telekom. Breitband gehört in die öffentliche Hand.

Tetzlaff: Sie meinen Infrastruktur generell?

Domscheit-Berg: Ja genau, Infrastruktur allgemein. Das betrifft Straßen, Brücken, Energie usw.

Tetzlaff: Nun gibt es die chinesische Seidenstraßeninitiative One World One Road. Wie stehen Sie persönlich zu dieser Initiative, vielleicht auch vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen EU und US?

Domscheit-Berg: Ich würde da jetzt gar nicht anders drauf antworten wollen. Ich finde, dass die einseitige Ausrichtung zur USA sowieso keine gute Idee war. Die Kräfteverhältnisse international haben sich definitiv verändert und das man deshalb Partnerschaften anpassen und anders entwickeln muss, ist klar. Und das sich da natürlich Gewichte verlagern werden, finde ich völlig in Ordnung.

Tetzlaff: Zum Thema Bildung: Die deutsche Bildungsstruktur ist sehr föderal. Hinsichtlich einer globalisierten Welt ist eine föderale Struktur schon etwas speziell. Das geht hin bis zur Anerkennung von Abschlüssen auch chinesischer Studenten in DE. Wie stehen sie generell zum Thema Harmonisierung von Abschlüssen, Austausch von Ausbildungen? Welche Ideen gibt es da und wie kann man das Problem lösen, dass Angesichtes der Veränderungen in der Arbeitswelt ein einmal erworbener Abschluss immer unwichtiger wird, aber gleichzeitig ein lebenslanges Lernen gefordert wird?

Domscheit-Berg: Ja, und ehrlich gesagt, die Halbwertzeit von Abschlüssen ist so gesunken ... In der Informatik beziffert man die zum Beispiel auf ca. 2 Jahre. Wenn also jemand einen Informatikabschluss von vor 20 Jahren hatte, dann ist der fast nichts mehr wert. Aber jemand, der überhaupt keinen Informatikabschluss hat, aber einfach angefangen hat mit irgendeinem Start-up - anfangs als Hobby - sich mit IT zu befassen, der hat vielleicht außerordentlich relevantes Wissen.

Ich glaube, in DE neigen wir zu extrem strukturfokussierter Bewertung. Anders formuliert, in DE geht es sehr formalistisch zu. Nehmen Sie z.B. die Selbstständigkeit, die in  vielen Berufen den Meisterbrief erfordert; man braucht diese oder jene konkreten Mindestvoraussetzungen; diesen konkreten Bildungszugang oder diesen Abschluss ... bis hin zu Bezahlungen nach Abschluss (Honorartabellen) und nicht dem, was man tut und was man leistet. Das find ich alles nicht in Ordnung und ich glaube, dass es uns behindert. Das war OK in der Vergangenheit. Es ist aber nicht mehr OK für die Gegenwart und nicht OK für die Zukunft.

Ich glaube nicht, dass dies bedeutet, dass wir uns von einem qualitativ hochwertigen Bildungssystem verabschieden müssen. Das ist ja immer das Argument, dass mit solchen Maßnahmen die Qualität gesichert würde. Ich denke, wir müssen andere Wege finden, Qualität in der Bildung und in der Arbeit zu liefern. Auch bei dem Meisterbriefzwang geht es ja um die Qualität der Dienstleistung. Ich glaube, das muss man anders sicherstellen. Man kann Kompetenzen auf anderem Wege erwerben. Wir haben in der EU sowieso schon offene Grenzen. Jeder kann überall hinziehen und da muss man auch bildungsabschlüsseübergreifend anerkennen. Dies haben wir mit dem Bachelor und Master angefangen zu harmonisieren.

Aber wir sehen gerade mit den Geflüchteten, die nach DE gekommen sind, dass dies eben auch nicht ausreicht. Die kommen mit teilweisen breiten Berufserfahrungen, aber ohne irgendwelche Abschlüsse. Deswegen sind die doch nicht nicht-qualifiziert. Wir müssen andere Wege finden, Qualifikationen anzuerkennen. Also diese festzustellen und irgendwie zu zertifizieren. Als Ostdeutsche erinnere ich mich, mein Vater bekam als Arzt nach der Wende, wie alle Ärzte im Osten, Briefe ins Haus, in denen stand, dass sie Sonderprüfungen abzulegen hätten, um zu zeigen, dass sie auch richtige Ärzte seien. Dann hat man schnell festgestellt, dass das ein ziemlicher Blödsinn ist. Aber erstmal war die Grundannahme: „Die können es eigentlich nicht so richtig.“

Die gleiche Grundannahme haben wir auf einmal gegenüber allen möglichen Ländern. Wir sagen: „Ahhh, die kommen von woanders und wer weiß, ob die das da richtig studiert haben. Heißt vielleicht genauso ist aber was ganz anderes ...“ Das ist es vielleicht auch, aber vielleicht auch gar nicht schlimm. Da müssen wir weltoffener und flexibler werden.

Unser föderales Bildungssystem halte ich für ein echtes Problem. Ich würde es sehr viel mehr auflockern. Es kann ja nicht sein, dass ein schulpflichtiges Kind, das von Brandenburg nach Bayern zieht oder umgekehrt, auf einmal ein dramatisches Problem bekommt. Das ist doch gaga!

Tetzlaff: Die nächste Frage betrifft die Ausländerfeindlichkeit als Wirtschaftsfaktor. Aus China beobachtet man sehr aufmerksam und kritisch - z.B. hinsichtlich von Investitionen in die Ost-Regionen - das Problem der Ausländerfeindlichkeit. Ich sehe diverse Initiativen in der Öffentlichkeit auf der sozialen und menschlichen Ebene, aber ich erkenne kaum Initiativen aus der Wirtschaft zu diesem Thema. Wie stehen Sie oder sie als Die Linke dazu?

Domscheit-Berg: Ich komme ja ursprünglich aus der Wirtschaft und ich kann sagen, dass dies ein Argument ist. Ich habe einige Jahre in großen IT-Industrieverbänden, wie z.B. BITKOM, die Wirtschaft vertreten. Da ist das natürlich ein Thema, da man ja gerade in der IT einen großen Fachkräftemangel hat. Und wenn die Fachkräfte sagen: „Ich bin doch nicht doof, ich geh doch nicht nach Dresden“, dann haben wir ein Problem. Das gibt es aber und es ist ein aus der Wirtschaft kommendes Argument. Es ist aber eins, das man in der Politik sehr selten hört. Da wird eher der Populismus bedient und weniger das Wirtschaftliche. Wo man es aber indirekt hört, wenn z.B. die FDP die Arbeitsmöglichkeiten und Integration von Fachkräften aus dem Ausland erleichtern möchte. Man hört aber selten, „Wir wollen, dass die kommen und bleiben wollen. Deswegen muss es für die hier angenehm und sicher und nicht feindlich sein“.

Ich finde dies ein wichtiges Argument. Allerdings glaube ich, dass wenn z.B. ein größerer chinesischer Investor in einer Region mit echt wenig Arbeitsplätzen neue Arbeitsplätze schafft, dass dann die Art und Weise, wie man dies wahrnimmt, eine ganz andere ist. Und natürlich muss man sagen, dass die Ausländerfeindlichkeit unterschiedliche Ausprägungen hat. Da sind Asiaten anders betroffen, als Menschen mit einer dunklen Hautfarbe. Die werden deutlich härter diskriminiert. Und für die ist es dann nochmal 10x schwerer.

Tetzlaff: Eine Frage zur Außenkommunikation. Wir würden Sie als Person oder mit der Partei Die Linke in China kommunizieren wollen. Z.B. mit der Politik, der Wirtschaft, NGO ... Und was wünschen Sie sich generell für den internationalen Austausch?

Domscheit-Berg: Da wäre natürlich der Wunsch, nicht immer nur über eine regierende Partei, sei es hier oder in China, gehen zu müssen. Als rot-rotes Brandenburg möchten wir nicht unbedingt über die Mittelung von Frau Merkel in China mit verschiedenen Gesellschaftsvertretern in Kontakt treten. Als Die Linke wollen wir direkt mit Wirtschaftsunternehmen, Kulturzentren oder irgendwas in Kontakt treten. Aber wir wollen auch, dass man ungestört, unbeobachtet und ungestraft mit chinesischen NGO reden und sich verabreden kann. Also, dass man nicht das Gefühl hat, dass man immer eine offizielle Genehmigung benötigt oder dies für die chinesische Seite nachteilig sein kann. Das turnt eher ab.

Ich bin ja generell eher ein Kosmopolit. Alles was internationalen Austausch und Interaktion betrifft, steh ich positiv gegenüber. Ich bin selber sehr interessiert an fremden Ländern und war auch schon in China. Ich finde den Kulturaustausch spannend. Nämlich weil jede Kultur nun einmal anders ist und weil ich glaube, dass jede Kultur von der jeweils anderen eine Menge lernen kann. Ich würde mir da mehr Offenheit auf allen Seiten wünschen und weniger Misstrauen. Schwierig ist dann natürlich, wenn man ein bestimmtes kulturelles Korsett gewöhnt ist und dann ist da plötzlich ein ganz anderes. Das ist einerseits das, was es interessant macht, aber das macht es andererseits auch auch so schwierig.

Tetzlaff: Vielen Dank für dieses Interview.

Sven Tetzlaff





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