Gerade ist die INTERSOLAR in München zu Ende gegangen. Auch auf ihr zeichnete sich, wie schon auf der SNEC, ein Technologiewechsel in der Fotovoltaik-Branche ab, der das Zeug hätte, Deutschland wieder in die Pole-Position des Fotovoltaik-Wettlaufs zu befördern. Allerdings sind die Chancen gering, dass die Politik in DE sich davon beeindrucken liesse. Wenn man sich deren aktuelle Agenda anschaut, scheint es kein wichtigeres Thema, als die Flüchtlinge im Freistaat Bayern zu geben. Eine Posse, wenn man bedenkt, wie hoch die Flut – im wahrsten Sinne des Wortes – bereits ist. Die Technologie- und Marktlücke zwischen Asien und dem Rest der Welt wird, wie auch die diesjährige INTERSOLAR zeigte, immer größer, während sich die politisch Verantwortlichen in EU/US in immer neuen Nabelschauen üben.

Eicke Weber ist in der Solarszene eine feste Größe und ein dankbarer Interviewpartner, da er ohne falsche Scheu und treffsicher den Finger in die Wunde legt. Sein Spiegelinterview, in dem er Präsident Trump darin bestätigte, die Mexiko-Mauer doch mit Solarmodulen zu bestücken – wenn dieser antimexikanische Schutzwall denn schon sein müsse, sorgte für einige bizarre Kommentare. Wohl kann man unterschiedlicher Meinung sein, doch in der Sache hat die Menschheit keine Zeit, sich länger in Smalltalk zu üben. Wir hatten die Gelegenheit, mit Eicke Weber ein kurzes Interview zu führen, das auch diesmal nichts an Deutlichkeit zu wünschen uebrig ließ.

Solarkonferenz SNEC 2018

Sven Tetzlaff/ Kathai Media: Wir hatten in der Vergangenheit vermeintliche oder tatsächliche Überkapazitäten in der Fotovoltaik-Produktion. Das hat sich offensichtlich geändert. Wie ist ihre persönliche Sicht auf die Entwicklung der Märkte weltweit in Beziehung zu der Produktionskapazität?

Eicke Weber: Es ist wirklich so, dass in den Jahren 2008 - 2012 in China eine erhebliche Überproduktion aufgebaut wurde. Der Grund dafuer war nicht, dass die chinesische Regierung keinen vernünftigen Plan hatte, sondern dass die föderalen Regionen Chinas gegenseitig im Wettbewerb standen, möglichst viel PV-Kapazität aufzubauen. Die Zentralregierung hat gesagt, ‚PV ist strategisch wichtig für die Zukunft der Nation‘ und hat es deswegen sehr gerne gesehen, dass die Provinzregierungen dies aktiv in die Hand genommen haben. Aber dann bekamen wir das Ergebnis, welches dann eben unkoordiniert war, dass wir für 2012 60 GW Kapazität hatten, bei einem Absatz-Markt von 30 GW. Ich meine, das ist natürlich ein Missverhältnis.

Das Ergebnis war, dass überschüssige Module nicht verkauft wurden zu den Herstellungskosten + Profit, sondern die wurden zu den Preisen verkauft, die der Markt hergab. Ich war selber im Aufsichtsrat von QCells zu der Zeit. Wir hatten 100 MW Module auf Lager, aus dem Vorjahr zu Produktionskosten von 1EUR/W. Der Markt gab nur noch 80ct/W her. Und da haben wir aus dem Board dem Vertrieb gesagt, ‚Verkauft die!‘  Ganz egal, wie die ursprünglichen Kosten waren. Denn selbst bei 80ct/W sind das 80 Mio Euro. Das ist eine Menge Geld. Dies war der Grund, dass tatsächlich Module unter Herstellungspreis verkauft wurden. Das ist natürlich ruinös und daher gab es auch viele Firmen, die es nicht geschafft haben.

Gleichzeitig hat diese Situation aber auch dazu geführt, dass der Markt unglaublich gewachsen ist. Dadurch, dass die Preise so stark verfielen, konnte man in DE schon vor 3-4 Jahren PV für 1 EUR/W fertig installiert auf dem Dach bekommen. Das ist ein Preis, der heute in den USA noch immer nicht erreicht ist. Dann hat dieses Marktwachstum dazu geführt, dass plötzlich der Absatz 2016 auf 50-60 GW anstieg, bei einer vielleicht vorhandenen Produktionskapazität von 70-80 GW weltweit. Das heißt, die Überkapazität wurde in den Jahren 2015-2017 vollständig abgebaut. Die Firmen haben weiter Kapazität zugebaut, aber der Markt ist ebenfalls weiter gewachsen. Und heute, auch zu meinem großen Erstaunen, hatten wir 2017 schon einen 100 GW Markt, den wir eigentlich erst für 2020 erwartet haben.

Die Hauptaussage ist natürlich, dass was wir heute weltweit erst 400 GW installiert haben. Was wir installieren müssen, um wirklich das Klimaproblem in den Griff zu bekommen sind zwischen 10,000 und 30,000 GW weltweit - und heute haben wir 400 GW! Das heißt, dies, was wir heute als den großen erfolgreichen PV Markt sehen, ist erst das kleine Blümchen, welches eben durch den Erdboden gekommen ist. Oder im allfaelligen Autovergleich: Das ist die Automobilindustrie im Jahre 1910.

TUV Maskottchen in China

Kathai: Würden Sie denn eine Prognose wagen, wann das erste Terawatt erreicht ist?

Weber: Oh ja, das geht ganz schnell. Denn wir gehen in den nächsten Jahren von 100 GW auf 300 GW Jahresproduktion. 2025 wird die Jahresproduktion 300 GW sein. Warum sage ich das? Weil ich gesehen und analysiert habe, dass von 1992 bis 2017 jedes Jahr der Anstieg der global installierten Leistung 30% betrug. Wenn man diese 30% zugrunde legt, dann landen Sie bei 2025 bei 1 TW - evtl. schon ein zwei Jahre früher. Bislang wurden alle - auch meine - Prognosen durch die Realität überboten. Also alles was ich sage, kann sich in 5 Jahren als zu vorsichtig herausstellen. Aber schon diese Zahlen sind eigentlich enorm. Denn das bedeutet, dass wir in den nächsten 5 Jahren die globale Produktionskapazität verdoppeln und verdreifachen werden. Alles das was wir heute haben, wird die alte Produktionskapazität sein, und wir werden das doppelte und dreifache neuer Kapazität mit überwiegend neuer Technologie dazu bauen.

Da kann man natürlich fragen, in welcher Technik machen wir das? Sie wissen sehr gut, dass im Moment noch der überwiegende Teil der PV-Produktion oder ungefähr die Hälfte, die Feld-Wald-Wiesen-Technik mit Al-Rückseite und n-Type Vorderseite ist. Seit einiger Zeit sind wir etwas weiter und installieren in immer mehr Fabs PERC-Technologie. Mit dieser Technologie konnten wir bei gleichzeitiger Kostensenkung die Leistung der auf 22-23% W/qm (bei 1,000W Einstrahlung) steigern. Meiner Meinung nach, wird nach der PERC-Technologie die HJ - Technologie (Hetero-Junction-Technologie/ HJT oder auch HIT) kommen. Dies ist dann eine disruptive Veränderung des Produktionsprozesses. Die Veränderung der Standard- zur PERC-Technologie ist inkrementell. Das heißt, man kann die alten Prozesslinien nehmen, anpassen und dann weiter produzieren. Bei der HJT braucht man völlig neue Produktionslinien. Doch diese Technik hat den absoluten Vorteil, dass es leicht ist, daraus bifaciale Zellen zu machen, da diese auch symmetrisch aufgebaut sind. Hinzu kommt der Vorteil der höchstmöglichen Effizienz. Der heutige Rekord liegt bei 26.2% - und der ist mit einer solchen HJT-Zelle gemacht worden. Diese Technologie ist in der Zwischenzeit so weit entwickelt worden, dass sie wirklich marktfähig ist. Ich erwarte in den Jahren 2018-2020, die wesentliche Verdrängung der Standardtechnologie durch PERC auf den existierenden Linien, aber komplett neue Linien werden immer mehr mit HJT aufgebaut werden.  

SNEC Eroeffnung


Kathai: Bislang lag diese Technologie in Japan unter strengem Patentverschluss ...

Weber: Das stimmt. Aber das Gute ist, dass das originale Patent schon ausgelaufen ist. Die Idee war nicht neu und wurde seinerzeit von Panasonic geschützt. Deren Patent ist vor 2 Jahren ausgelaufen. Die kleine (30MW) Firma Sunpreme aus Kalifornien, die hier in China (Jiaxing) produziert, verkauft ihre bifacialen Glas/Glas-Module mit 400 Wp. Das ist praktisch unerreicht mit PERC-Zellen. Bei denen geht es bis 350-370W. Diese Firme zeigt also, dass es möglich ist, selbst mit einer kleinen Produktionskapazität zu überleben. Wenn dieselbe Firma jetzt eine GW-skalige Linie bauen würde, dann ist das Ziel das sogenannte Premiummodul (380W - 400W) herzustellen – zu den Kosten der Standardmodule. Was nicht unbedingt heißt, dass sie zu dem Preis auch verkauft werden müssen. Die heutigen Standard-Modulpreise liegen bei ca. 30-40ct/W und diese Premiummodule können z.Z. für einen Preis von ca. 50ct-1USD/W verkauft werden. Die Firma Sunpower (Total) macht das ja schon eine Weile vor, allerdings ist deren Produktion bzw. Prozess zu teuer. Wenn es Firmen wie Sunpreme gelingt, zu ca. 40ct/W zu produzieren, dann können Sie damit einen ordentlichen Gewinn machen.

Kathai: Haben sie eine Prognose oder eine Idee, wie sich die aktuelle, weltweite, politisch-ökonomische Kräfteverschiebung auf die PV auswirken wird?

Weber: Ich sehe z.Z. ganz klar, dass China die Führungsposition übernommen hat. Letztes Jahr 50 GW - also die Hälfte des Weltmarktes war in China angesiedelt. Da das Land so groß ist und der Bedarf an EE ebenso, sehe ich keinen Grund, dass das abflachen könnte. Eher wird es weiter steigen.

Ein weiterer Player wird vielleicht Indien werden, die haben gerade ein 100 GW-Programm angekündigt. Wie sie das verwirklichen wollen - ohne wesentliche eigene Produktion - wird man sehen. Afrika ist ein wahnsinnig energiehungriger Kontinent und deren dezentralen PV-Möglichkeiten sind definitiv interessant. Das wir in DE es noch nicht erkannt haben, und unsere Entwicklungshilfe darauf umgestellt haben, erneuerbaren Strom anzubieten, d.h. den Zugang zu EE zu schaffen, anstatt dieser Projekte, wo man nach 5 Jahren nichts mehr sieht - weil sich irgendwer profilieren wollte - ist wirklich bitter.

Ein anderes Beispiel ist Palästina. Wie anders wäre die Situation, wenn in der Westbank und im Gazastreifen flächendeckende PV für die Energieversorgung Palästinas errichtet würden? Statt jedes Jahr Milliarden an Hilfen aus dem Ausland dort hineinzupumpen. Milliarden, die dann in dubiosen Infrastrukturprojekten versickern. Der Grund ist natürlich klar: PV würde die Korruption zurückdrängen, da nur einmal für die Errichtung Geld fließen würde. Kein Mensch der dortigen Elite macht sich stark für EE.

Auch in Europa gibt es einen riesigen Bedarf. Allein in DE sind nur 40 GW installiert. Aber alle Modelle sagen voraus, wenn wir etwa 80% unseres Stromes erneuerbar herstellen wollen, brauchen wir etwa 150 GW. Das erreicht man natürlich nicht, wenn man jedes Jahr nur 1 GW dazu baut. Dann dauert das 100 Jahre - also das geht nicht. Das heißt, auch in DE wird der PV-Markt wieder in Schwung kommen. Und zwar in dem Moment, wo man die Widerstände der interessierten Industrie, die möglichst lange an der jetzigen Struktur festhalten will, auflöst. Für die ist jedes Kohlekraftwerk eine Milliardendruckmaschine, solange man für den CO2-Ausstoß nichts zahlen muss. Dabei wissen die natürlich ganz genau, dass der Übergang auf Erneuerbare unvermeidbar ist. Auch die deutsche Automobilindustrie macht das ganz genau so. Die wissen genau, wo der Zug hinfährt. Ein sehr kompetenter Autoinvestor bestätigte mir persönlich „Wir machen noch so gute Profite mit den Verbrennungsmotoren. Die brauchen wir, um den Übergang auf die E-Mobilität zu finanzieren.“ In Wirklichkeit müsste es genau umgekehrt sein. Heute müssten die deutschen Autofirmen versuchen, möglichst hohe Stückzahlen der EVs herzustellen, damit sie wettbewerbsfähig werden. H.J. Fell hat mir gerade erzählt, er hat sich als Neuwagen einen Renault-EV gekauft, da die der einzige europäische Hersteller sind, die EV in grosser Stückzahl herstellen können. Dieses Thema, dass wir die Industrie davon überzeugen müssen, dass es wirklich fantastische Chancen in der PV, Batterietechnik, EV usw gibt, diese Überzeugungsarbeit ist noch nicht befriedigend geleistet worden. Ich kann nur sagen, wir in DE sind sehr dumm. Wir haben sehr viel Geld in die Energiewende investiert - wir werden 20 Jahre lang noch etwa 30 Mrd pro Jahr an Umlage einsammeln und auszahlen. Und in dem Moment, wo die ganze Welt die Transformation der Energiesysteme ernst nimmt - hat sich DE aus der Sache verabschiedet. Das ist total widersinnig. Ich werde meine Bemühungen nicht aufgeben, dafuer zu argumentieren:  Ceterum censeo Carthaginem esse delendam („Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“) - wir brauchen PV-Herstellung in DE. Nicht als Konkurrenz zu den Chinesen, sondern mit diesen neuesten Technologien, die gleich einen Sprung über das, was heute am Markt da ist, darstellt und wirklich auch den Investoren interessanten Profite verspricht.

Die alten Investoren haben nach dem Motto des Wassermelonenhandels gearbeitet:   Ein paar Leute haben sich ein Haus und Auto angeschafft und kaufen bei einem Bauern Wassermelonen für einen Dollar und verkaufen diese auf den Markt, ebenfalls für einen Dollar. Als sie dann sehen, dass nichts rumkommt, kaufen sie ein größeres Auto, um mehr Melonen verkaufen zu können. Das ist das aktuelle Geschäft der Standard-PV-Hersteller. Die machen keine Gewinne und sagen, dass sie eben größere Fabriken bauen müssen. In Wirklichkeit ist es natürlich sehr schwer, aus diesem Geschäftsmodell Profit zu ziehen. Das funktioniert evtl., wenn man Förderungen oder günstige Kredite, wie hier in China hat, aber nachhaltig ist das nicht. Meine Aussage ist: Heute ist ein „Window of Opportunity“ offen, das uns einen Einstieg in neue Technologien - vielleicht sogar vor den Chinesen - im großen Volumen ermöglicht. Natürlich sollte diese Technologie auch nach China, die USA usw., kommen - aber eben auch oder vor allem nach Europa!

Eicke Weber (links) und Mr. Samuel Abikunda (rechts), Embassy Commercial Attaché Rwanda

Kathai: Ich sehe aktuell eine leichte Emanzipation Europas gegenüber den USA - welche unter Obama ja für sich auch die Führung in der PV beanspruchte. Sehen Sie, dass sich aus diesem Schwung etwas für die PV in Europa herausholen liesse?

Weber: Ich würde es hoffen. Wobei ich die amerikanische Situation nicht ganz so hoffnungslos sehe. Die PV ist in den USA vor allem von der Politik der einzelnen Bundesstaaten abhängig. Ich denke vor allen an Kalifornien, Massachusetts usw., die sehr aggressiv mit der PV weitermachen. Während die anderen Staaten Widerstände dagegen auffahren. Doch selbst so ein Staat wie Texas hat bereits gemerkt, dass dies ein interessantes Geschäftsmodell ist. Da fallen also auch in sehr konservativen Staaten die Widerstände. Ich denke, dass die Trump-Administration keinen großen langfristigen Schaden anrichtet.

Jetzt kommt vielleicht eine etwas ketzerische Bemerkung: Die USA sind ja sehr stolz darauf, dass sie als Unterstuetzungprinzip diesen Investment-Tax-Credit erfunden haben, wo man 1/3 seiner Investitionen von seiner Steuer abziehen kann. Das ist natürlich ein sehr amerikanisches Motiv - jeder spart ja gerne Steuern. Man kann sich also ein PV-System kaufen, um Steuern zu sparen. Die Konsequenz dieser ganz direkten (Cash)Subvention ist, dass nirgendwo auf der Welt Solarsysteme so teuer sind, wie in den USA. Wir hatten das in DE ja auch mit dem 1,000 Dächer Programm, wo sich die Anlagen genau um die 70%, die sie gefördert wurden, auch gleich verteuerten. Der Einspeisetarif von Hermann Scheer und H.J. Fell war und ist dagegen viel intelligenter. Der ließ die Profite bei den Leuten, die sich das System auf das Dach setzten und die gleichzeitig nach dem günstigsten Anbieter suchten. Dazu kann man den Grünen nachträglich nur gratulieren. Möglicherweise hatten sie im Jahre 2002 noch gar nicht erkannt, dass eigentlich das ganze EEG ein hervorragendes Angebot an Investoren ist, hohe staatlich garantierte Gewinne zu machen. Dadurch wurden immerhin 50 Milliarden Euro bewegt, für die 40 GW die wir nun installiert haben und das waren 50 Mrd privaten Geldes von Anlegern. Bessere Anlagemöglichkeiten gab es gar nicht ... Die Grünen haben mit der SPD mittels EEG ein zutiefst kapitalistisches Instrument in Gang gesetzt, indem sie Investoren eine gute Rendite anboten. Die haben dann das getan, was man erwarten sollte und haben viel viel mehr investiert, als die Architekten des Gesetzes sich jemals erträumten. Ich erinnere mich, dass im Gesetz 2002 eingebaut war, 50ct/kwh Einspeisetarif mit einer Absenkung von 5% pro Jahr zu vergüten. Wenn man dies auf Heute umrechnet, wären wir bei 20-30ct/kwh, also oberhalb der Gestehungskosten. Das wär natürlich fantastisch. Der Fehler des EEG war der feste Einspeisetarif. Man hätte jedes Jahr über eine Expertengruppe anhand des PV-Marktpreises eine Anpassung - durchaus mit Profit - aushandeln müssen.


Kathai: Zum Thema Afrika, bezueglich der PV in Afrika gab es schon mehrere Anläufe. Nun gibt es eine chinesische Initiative ‚One Belt One Road‘, die sich auch - oder besonders - an Afrika richtet. Wie schätzen sie diese Initiative ein?

Weber: Diese Initiative ist sehr interessant. Ganz ehrlich, ich habe erst vor sehr kurzer Zeit das erste Mal von der chinesisch-afrikanischen PV-Initiative gehört. In China hat man sehr viel strategischer als bei uns in Europa erkannt, welche Möglichkeiten Afrika bietet - auch als Markt für PV. Ich kann nichts dagegen sagen, dass China das tut. Ich finde alle Unterstützung von PV in Afrika sehr lobenswert. Ich finde nur, wir sind dumm in DE, dass wir nicht schon lange Ähnliches gemacht haben. Denn wir hatten die Technologie noch früher als die Chinesen. Wir hätten sagen koennen, wenn wir PV- Module nach China oder Afrika verkaufen, dann helfen wir der heimischen PV-Industrie und damit wäre eine Win-win-Situation entstanden. Vielleicht hätte man sogar die Pleiten vieler Firmen vermeiden können. Wie gesagt, ich freue mich über diese Dynamik, aber wir sollten von uns aus in Europa private Initiativen forcieren. Ich bin ja selber an einem dieser Start-ups beteiligt. Da geht es nicht um dicke Profite, aber solange man Umsätze macht und im Plus bleibt, kann man wirklich etwas bewirken. Jedes Dorf, das man mit einem Minigrid versorgt wird, ermöglicht den Kindern eine Schulbildung, Krankenhäusern die Kühlung von Medikamenten, Internet usw. Es gibt weltweit immer noch 1.1 Mrd Menschen, die keinen Netzzugang haben. Ich kann China für diese Initiative nur loben.

Kathai: Haben sie noch eine persönliche Adresse an die Leser von Kathai?

Weber: Die wichtigste Botschaft ist, dass ich gerne dafuer arbeite, dass in der Öffentlichkeit erkannt wird, welche positiven, wirtschaftlichen Chancen sich aus der anstehenden Transformation ergeben. In der Öffentlichkeit wird immer so getan, „Ach das ist ja eine schreckliche Bürde, die wir dort aufnehmen müssen. Ja gut, wir sorgen uns ums Klima. Also sind wir bereit diese Bürde zu schultern. Vielleicht kann man es ja ein bisschen langsamer angehen ...“ Mein Gott!, das ist alles völlig falsch dargestellt. In Wirklichkeit ist dieser Übergang auf neue Energien die wirtschaftliche Bonanza der nächsten 20 Jahre! Tolle Chancen - gerade auch für deutsche und europäische Technologie, aber wir bräuchten auch die politische Führung, die diese Chancen erkennt und sich nicht von Parteispenden oder von Zuwendungen und Posten aus der der Industrie für abgehalfterte Politiker abhängig macht. Es sollte doch endlich mal eine politische Führung geben, die das Beste für das Land will und nicht das Beste für die Partei oder Partikularinteressen. Ich bin sehr optimistisch, dass dies kommt. Ich weiß nur nicht wann. Vorsichtig optimistisch oder gar pessimistisch bin ich, wenn Sie mich fragen, wird die Umstellung schnell genug kommen, um das Weltklimaproblem zu lösen? Es kann sein, dass dies nicht der Fall ist. Und das ist das Verrückteste. Da sitzen wir seit 20 - 30 Jahren auf einer Lösung und haben es nicht genutzt. Dann werden wir angesichts der katastrophalen Umstände jammern: „Wir hatten die Technologie, wir konnten sie uns leisten und nur, weil ein paar einflussreiche Kreise Sand ins Getriebe gestreut haben, haben wir jetzt diesen Mist.“ Diese ärgerliche Situation sollten wir wirklich vermeiden.

Sven Tetzlaff


 

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