Chinesische Unternehmen investieren schon seit geraumer Zeit weltweit in Unternehmen. Oft wird dahinter ein grosser Masterplan vermutet, dabei sind die Gründe z.T. viel profaner. Auch chinesische Unternehmen sind bemüht vorhandene liquide Mittel zu investieren. Ob dies nun Staatsanleihen sind oder, im privaten KMU-Sektor eher verbreitet, die Firmenbeteiligung bzw. Übernahmen. Meist war dieses Engagement nicht nur willkommen, sondern dringend nötig zum Ueberleben der bedachten Unternehmen. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass chinesisches Investment deutlich zuverlässiger ist, als beispielsweise die Finanzspritzen institutionalisierter Anlegerorganisationen.

Neben dem klassischen Investment, das auf Rendite abzielt, geht es ebenso um die Schaffung neuer Absatzmärkte. Es ist keineswegs so, dass das vielzitierte Know-How nur in eine Richtung abfliessen würde. China ist einer der größten Patentanmelder weltweit. Huawei zeigt aktuell, wie hochtechnologisches chinesisches Know-How in deutsche Unternehmen diffundiert. Betrachtet man den gesamten F&E-Sektor in China und die dortigen private und staatlichen Investitionen, wird schnell klar, dass dies erst der Anfang ist. Woran es auf chinesischer Seite tatsächlich oftmals hapert, das ist das nötige Vertriebs-Know-How in fremden Märkten. Und dies gilt besonders dann, wenn dieser Markt, wie z.B. die EU, aus einem Flickenteppich unterschiedlichster Sprachen, Sitten, Kulturen und Regeln besteht. Niemand tritt gerne in Fettnäpfchen bzw. riskiert Investitionen auf diese Weise. Umgekehrt bekommen diese KMU mit einem chinesischen Investment einen exklusiveren Zugang zu dem attraktiven asiatischen Markt.


Bislang konzentrierte sich das chinesische Investment auf Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Langsam spricht sich in China herum, dass auch andere Mütter schöne Töchter haben – Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel. Ganz aktuell wurde eine Kooperation mit einer MedTech-Firma in Lage gestartet und es gibt auch einige Übernahmen bzw. Beteiligungen im Bereich Marinetechnik, Tourismus und erneuerbare Energien. Mecklenburg hat durchaus Potential, im Bereich der neuen Industrie, also die, die sehr eng mit der IT vermascht ist – gemeinhin mit Industrie 4.0 verschlagwortet - ausländisches Kapital anzuziehen. Das größte Problem, wenn nicht gar das Einzige, welches das dünnbesiedelte Land für diese Industrie hat, ist die unterdurchschnittliche IT- und Kommunikations-Infrastruktur.

Wir haben im Rahmen unserer Reportagereise durch die neuen Bundesländer Uwe Flachsmeyer, Fraktionsvorsitzender Buendnis 90/ Grüne der Rostocker Bürgerschaft, zum Komplex chinesische Investitionen in einem Kurzinterview befragt.

Uwe Flachsmeyer tritt 2019 als Kandidat fuer das Oberbuergermeisteramt in Rostock an

Sven Tetzlaff/ Kathai Media: Wie stehen die Grünen grundsätzlich zu Investitionen in Mecklenburg-Vorpommern sowohl in klassische Industrieunternehmen und aber auch in Infrastrukturunternehmen wie Wasser- oder Energieversorger.

Uwe Flachsmeyer: Ich fang mit dem zweiten Teil an, da er am einfachsten zu beantworten ist. Ich finde Investitionen ausländischer Firmen in Bereiche - wie z.B. die Wasserversorgung - falsch. In Rostock befinden wir uns gerade auf dem Weg der Rekommunalisierung. Wir haben die Wasserversorgung von einem privaten Dienstleister wieder in die kommunale Hand überführt. Ich finde ganz grundsätzlich, dass Dinge wie Wasser, aber auch Grund& Boden usw. möglichst wenig in private Hand gehören und erst recht nicht in die Hände ausländischer Investoren. Das sieht man m.E. gerade in Afrika, wo internationale Konzerne ganze Landstriche für sich übernommen haben und dann die Einheimischen nichts mehr davon haben.

Ansonsten ist die Globalisierung natürlich nicht aufzuhalten. Investoren aus allen Branchen werden in Europa in Deutschland und auch in Rostock Unternehmen finden, an denen Sie sich beteiligen und in die sie investieren. Das halte ich für etwas Positives. Es ist ein bilateraler und auch kultureller Austausch, der da stattfindet. Im Detail muss man natürlich schauen, wo sind kritische Dinge, die man beachten muss. Ein weiterer Punkt: Für uns Grüne ist es wichtig, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit auch an demokratische Strukturen in den entsprechenden Ländern gekoppelt sind oder diskutiert werden dürfen.

Kathai: Wo würden Sie sich denn Investitionen in MV bzw. in der Hansestadt Rostock wünschen?  

Flachsmeyer: Natürlich in allen innovativen Bereichen. Elektromobilität ist gerade so ein Thema. Aber da wünsche ich mir vor allem Investitionen heimischer Unternehmen. Man hat z.Z. eher das Gefühl, dass in diesem Bereich ausländische Unternehmen viel schneller vorankommen. Dann die Digitalisierung und Modernisierung der Gesellschaft. Da sind insgesamt Investitionen nötig, sowohl von inländischen, als auch von ausländischen Unternehmen und selbstverständlich auch von staatlicher Seite.



Kathai: Ich bin die letzten Tage für eine Reportage durch Neufuenfland gefahren und besonders in Mecklenburg ist mir die katastrophale Netzabdeckung aufgefallen. Ich hab auf meinem Mobile Symbole gesehen, die ich längst vergessen hatte, 2G z.B. Noch schlimmer, manchmal habe ich überhaupt kein Netz gehabt. Auf der anderen Seite sehe ich ein grosses Potential für Internetunternehmen in Mecklenburg-Vorpommern, wenn denn ein ordentlicher und flächendeckender Breitbandausbau da wäre. Es gibt ja diverse skandinavische Vorbilder. Alle Parteien haben das in ihre Agenda geschrieben, aber wie wollen die Grünen das machen?

Flachsmeyer: Das die Parteien das in ihrer Agenda stehen haben, ist ja schon der erste Schritt. Wobei man auch fragen muss, wer ist denn die letzten 12 Jahre an der Regierung gewesen? Die Grünen haben bei diesem Thema sogar eine Überschneidung mit anderen Parteien. Wir sagen, wir wollen bis 2021 75% aller Haushalte an Glasfasernetze angeschlossen haben. Und das kann man z.B. mit dem Verkauf der Telekom-Aktien erreichen, die sich noch in Bundesbesitz befinden. Das würde aktuell ca. 10 Mrd. Euro bringen. Das sieht übrigens die FDP ebenso, die will auch noch die Post-Aktien zur Disposition stellt. Mit diesem zusätzlichen Geld im Staatshaushalt könnte man in die Digitalisierung deutlich voranbringen.



Kathai: Man hat es in DE mit einer klassischen Monopolsituation zu tun. Und ich sehe im Augenblick nicht die Chance, dass dieser Bereich wieder in staatliche Hand kommen könnte - was es vielleicht sollte. Wie wäre in diesem Bereich chinesisches Investment zu bewerten?

Flachsmeyer: Das ist schwierig zu sagen. Es ist richtig, dass wir im Moment einen Monopolisten haben. Dass die Telekom sich die Filet-Stücke heraussucht wo sie gerne investiert und sich aus dem weiten Land jedoch zurückzieht und dort nach kommunalen Zuschüssen ruft, weil es sich nach ihrer Ansicht nicht lohne. Klar, wenn man den Markt öffnet, soll er auch ausländischen Investoren zur Verfügung stehen. Genaugenommen gibt es dies in manchen Gemeinden schon - wenn auch nicht mit ausländischen Unternehmen. Hier und da sieht man Werbeschilder, auf denen sinngemäß zu lesen ist, „wenn sich X% eurer Einwohner hier anschließen, dann legen wir bei euch die entspr. Leitungen“. Etwas mehr Konkurrenz wäre sicher für beide Seiten positiv.

Kathai: Haben Sie und wenn ja wie, sind die konkreten Vorstellungen, wie man aus dem protektionistischen Krater, der durch die Lex Solarworld in Deutschland gerissen wurde, wieder herauskommt?

Flachsmeyer: Das ist schwierig. Man muss es ehrlicherweise auch zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland Vorreiter gewesen ist, was Erneuerbare anbelangt hat - also sowohl Solar- als auch Windkraft. Dann haben wir allerdings gegen China großflächig verloren. Wenn man dieses Szenario weiterlaufen lässt, dann kann man sich auch fragen, wie das in einigen Jahren im Automobilbereich aussieht. Wenn Deutschland nicht wirklich innovativ vorangeht, dann werden die ausländischen Unternehmen unsere Automobilindustrie obsolet machen. Dann haben wir es verschlafen.

Für mich als Rostocker Kommunalpolitiker wäre es etwas anmaßend zu behaupten, „ich habe die Ideallösung.“ Habe ich natürlich nicht. Klar ist allerdings, dass wirtschaftliche Kooperation stattfinden wird und das Protektionismus am Ende nicht funktioniert. Insofern wird man bei Kooperationen mit ausländischen Unternehmen und Investoren schauen müssen, wie man es für beide Seiten erträglich macht. Und wir müssen auch für uns mal festlegen, welches sind unsere Zukunftsindustrien und wo können wir uns weiter positionieren im Vergleich zu anderen Regionen, die bei anderen Industrien Vorteile haben, die wir eben nicht bieten können.



Kathai: Ich persönlich sehe auch ein Problem im Informationsaustausch zwischen China und DE bzw. MV. Manchmal lese ich was in der Ostseezeitung oder anderen deutschen Medien über China und dann frage ich mich, ob ich eigentlich in einem Paralleluniversum lebe. Dabei wären objektive Informationen doch der erste Schritt für eine vernünftige wirtschaftliche, kulturelle usw. Kooperation. Sehen Sie auch dieses Problem?

Flachsmeyer: Ja, das seh ich auch so. Für uns ist China sehr weit weg und dann gibt es so Investoren wie Herrn Pang am Flughafen Parchim der uns hier stark verunsicherte. Also eher kein leuchtendes Beispiel für die anderen Investoren aus China, die wir für ihre Erfolgsgeschichten willkommen heißen mögen.

Kathai: Eine der wichtigsten Industrien in MV ist der Tourismus und da gab es ja schon ein paar chinesische Investitionen. Aber Tourismus ist auch ein empfindliches Pflänzchen, was Ausländerfeindlichkeit angeht. Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass durch solch ein Klima Investitionen im Land ausbleiben könnten? Wie ist die Situation in MV?

Flachsmeyer: Ja, man darf die Augen nicht verschließen. Ich hatte z.B. im Wahlkampf öfter an Ständen in der Innenstadt Besuche von Touristen anderer Nationen. Und die haben auch geäußert, dass sie tatsächlich mehrfach überlegt haben, ob sie nach Rostock oder in die Region kommen oder eben nicht. Wir haben dieses Problem nicht nur hier, sondern in ganz Deutschland. Wir können dem entgegenwirken, indem alle ‚normalen‘ Menschen zeigen, dass es dafuer keinen Grund gibt - wir unsere Gäste freundlich behandeln. Wir würden uns freuen, wenn die chinesischen Touristen von hier mit einem guten Gefühl und tollen Erlebnissen wieder nach Hause fahren.



Kathai: In Rostock und Greifswald studieren sehr viele Chinesen. Aufgrund der föderalen Verantwortlichkeit der Bildung in DE erwachsen für die Studenten in Bezug auf die Anerkennungen sowohl der Studienvoraussetzungen als auch Abschlüsse einige Probleme. Wie wollen die Grünen diese Problematik auflösen?

Flachsmeyer: Ganz klar ist, dass wir das Kooperationsverbot aufheben wollen. Also dass letztendlich der Bund viel stärker in die Bildungspolitik der Länder hineinwirken darf. Über diesen Weg muss auch erreicht werden, dass Bildungsabschlüsse in Bremen genauso viel Wert sind wie in Bayern oder wo auch immer und das die auch ungefähr das gleiche Level haben müssen. Das ist im Übrigen nicht nur für Ausländer ein Problem, sondern auch für die Einheimischen ganz genauso. Meiner Meinung nach gehört auch eine Vereinheitlichung oder wenigstens Angleichung des Abiturs dazu. Das ist noch immer eine Länderhoheit, wo jeder Fürst für sich meint, das Patentrezept gefunden zu haben. Bildung und Digitalisierung sind schlichtweg die Zukunftsthemen. Wenn wir unsere Kinder nicht vernünftig ausbilden und nicht wirklich viel Geld in die Bildung stecken, wird uns das auf die Füße fallen.

Sven Tetzlaff


P.S. Firmen, Unternehmer, Entrepreneure, die an Investitionen oder Partnerschaften in China interessiert sind ... oder chinesisches Kapital fuer ihr Unternehmen in D.A.CH suchen, koennen uns jedezeit kontaktieren. Wir freuen uns ueber Ihre Nachricht.

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