Am 28./29. Juni fand in Shanghai die China Development Zone Innovation And Development Conference (CDI) statt. Die etwas sperrige Bezeichnung soll bedeuten, dass die verschiedenen Entwicklungszonen Chinas ihre Erfahrungen miteinander austauschen. Außerdem wird verschiedenen Start-ups, als auch gestandenen Firmen die Gelegenheit gegeben, ihr Geschäft vorzustellen.

Entwicklungszonen gibt es nicht nur in China, sondern in verschiedener Ausprägung weltweit. Allerdings sind in China zum einen die Dimensionen andere und zum anderen haben die chinesischen Dev-Zones spezifische Eigenheiten, die sie einzigartig machen. Hört man das Wort Entwicklungszone im Zusammenhang mit China, dann kommen einem sofort Shenzhen, Shanghai und vielleicht noch Tianjin in den Sinn. Tatsächlich wurde die erste Sonderentwicklungszone in Xiamen durch Deng Xiaoping gegründet und hat maßgeblich zum Aufstieg der Stadt beigetragen.

Dev-Zones sind nicht zwingend staatliche Unternehmungen, es gibt ebenfalls einen großen Teil privater Marktteilnehmer. Mitunter mieten sich private Unternehmen auf dem Gelände der staatlichen Dev-Zones ein und entwickeln dieses Gebiet auf ihre Weise weiter.

Die schiere Anzahl der Entwicklungszonen - die alle miteinander im Wettbewerb stehen – und die unterschiedlichsten Schwerpunkte, haben zu einem wahren Schatz an Erfahrungen geführt, welche mittlerweile nach Afrika, Südamerika und selbst nach Europa exportiert werden. Die alten Dev-Zones sind kaum noch vergleichbar mit denen, die aktuell ausgewiesen bzw. entwickelt werden. Durch das Torch-Programm des  Ministerium für Wissenschaft und Technologie sind z.Z. 146 High-Tech-Zonen entstanden.

Ca. 40 % aller Hightech-Firmen Chinas arbeiten in diesen High-Tech Entwicklungszonen. Wichtiger Bestandteil des Torch-Programmes ist der SME-Innovation-Fund (Innofund), welcher Hightech-Start-ups mit herausragenden Innovationen den Einstieg in den Markt erleichtern soll. Besonders förderwürdige Bereiche wurden im letzten 5-Jahrplan z.T. präzisiert und sind z.B. Bio-Tech, New-Materials, Umwelttechnik, erneuerbare Energien, kohlenstoffarme Technologien usw.



Die Hinwendung zu High-Tech wie AI, IoT, autonome Fahrzeuge, Blockchain-Technologie und vieles mehr, hat dazu geführt, dass umgekehrt die Erfahrungen, welche an den altehrwürdigen Institutionen wie Cambridge (UK), Harvard oder dem MIT (beide Massachusetts) mit Start-ups, Inkubatoren, Acceleratoren ... über die Jahre gemacht wurden, nun dringend in China gefragt sind. Entsprechend waren auf der diesjährigen CDI einige inspirierende Vorträge aus UK und US zu hören. Einen vielbeachteten Vortrag hielt Alan Barrell, der uns anschließend für ein Interview zur Verfügung stand.

Professor Alan Barrell (Jahrgang 1940) arbeitete in verschiedenen Firmen im Bereich Health Care und Medical Research. Darunter waren multinationale Konzerne, aber auch kleinere Technologie-Start-ups. Er unterrichtet an verschiedenen Universitäten in UK, Europa, US und Asien. Alan hat einen Venture Capital Fund aufgelegt und verwaltet diesen. Er ist Business Angel, Investor und Treuhänder von Wohltätigkeitsorganisationen. Seine derzeitige Arbeit konzentriert sich stark auf die Entwicklung von Handel und Beziehungen zwischen Großbritannien und China, einschließlich kontinentübergreifender Investitionen. Vor kurzem wurde er zum Chairman eines chinesischen Technologie-Venture-Fonds in Höhe von 3 Mrd. RMB (ca. 390 Mio. EUR) ernannt. Alan fördert die Vision von „Eine Welt ohne Grenzen“.



Sven Tetzlaff/ Kathai Media: Sie haben in Ihrer Rede erwähnt, dass chinesische Firmen aus China herausgehen müssen. „Go global!“, war das Stichwort. Sie sagten weiterhin, wenn nicht, dann riskieren sie auch in China, nicht erfolgreich zu sein. Schaut man sich Firmen wie Alipay, Taobao, Wechat an, dann konzentrieren die sich überwiegend auf China - das geht bis hin zur Übersetzung der Apps dieser Firmen.

Alan Barrell: Wenn diese Firmen auf lange Sicht erfolgreich sein wollen, dann müssen sie sich internationalisieren. Dafuer gibt es ein sehr gutes Beispiel, über das sogar ein Buch geschrieben wurde. Und diese Firma hat sich „globalisiert“. Ich spreche über Huawei. Huawei ist die größte Telekommunikationsfirma ihrer Art auf der Welt. Die sind in 170 Ländern und machen ein globales Marketing. Auch bei uns in Cambridge haben sie eine Niederlassung. Technik von Huawei unterstützt das Londoner U-Bahn-System und die UK-Railway. Die haben es definitiv geschafft. Alibaba und die anderen sind etwas komplizierter. Ich denke, dies liegt vor allem daran, dass es sich im Wesentlichen um Plattform-Firmen handelt. Huawei stellt reale Produkte her, die anderen genannten Firmen sind, wenn man so will, Social Media. Und Social-Media-Firmen in China sind eben sehr spezifisch Chinesisch. Die haben sich gut entwickelt, evtl. besser als vergleichbare Unternehmen im Westen, aber so weit ich das bis jetzt sehe, sind sie nicht vollständig internationalisiert. Andererseits, Wechat (Tencent) scheint sich über den Globus auszubreiten und auch Alipay/Alibaba. Letztere haben eine europäische Division, die gerade daran sitzt, dieses Problem zu lösen.

Als ich in einer amerikanischen Firma gearbeitete habe, hab ich erfahren, dass sich die Amerikaner nicht wirklich gut internationalisiert haben. Die Chinesen machen das etwas anders und versuchen sich eben an die Sprachen, Gewohnheiten usw. in Europa anzupassen. Aber das braucht seine Zeit. Ich bin sicher, die werden das schaffen. Und erinnern wir uns, Alibaba hat den bislang größten IPO an der New Yorker Börse gehabt. Auch das hat was mit Internationalisierung zu tun.

Mal abseits von den grossen Unternehmen wie Alibaba oder Baidu, dies sind grosse Unternehmen. Ich meinte in meiner Rede vor allem die KMU. KMU tun sich schwer, über Kontinente hinaus zu operieren. Es ist kompliziert für die britischen oder deutschen Unternehmen, den großen Schritt auf andere Kontinente zu machen. An dieser Stelle denken wir, dass Acceleratoren helfen können.



Tetzlaff: Sie erwähnten, dass in Cambridge ca 4,700 Technologie-Unternehmen angesiedelt sind, manche von denen unter den 15 Mrd.-Firmen. Dieser Prozess der Ansiedlung begann in den 60ern.

Barrell: Ja genau, manche dieser Firmen sind über 40 Jahre alt. Viele davon sind außerordentlich erfolgreich. Heute geht das eventuell schneller, mit einer Firma Raum zu greifen, aber der Grund für den Erfolg ist die Kombination aus außergewöhnlichen Innovation-Center Science Parks und gutes Wagniskapital. UK ist wirklich gut darin, Business Angel zu motivieren und privates Investment zu aktivieren. Das britische Gov. hat ein entspr. Framework für die potentiellen Investoren bzw. deren Benefits geschaffen.

Tetzlaff: In Boston an Harvard und dem MIT hab ich gesehen, dass viele Unternehmen ab dem Punkt, wo sie das Konzept und das Design verlassen und sich dem Prototyping bzw. der Produktion zuwenden, oft direkt den Weg nach China gehen. Mitunter geraten sie dann an zwielichtige und wenig zuverlässige Firmen. Diese Geschichten hört man jeden Tag. Was denken Sie darueber?

Barrell: Viele westliche Firmen nutzen chinesische Unternehmen für das Rapid Prototyping und das sollte schon durch die Business Angel, Science Parks etc. begleitet werden. Aber wir sagen auch, wir werden keine Start-ups nach China bringen. Genauso, wie ich keine Start-ups nach Amerika oder nach Deutschland bringen würde. Diese Start-ups müssen, wie ich das nenne, „fertig für die Internationalisierung“ sein. Und wenn sie das sind, kann man sie nicht mehr Start-ups nennen. Das heißt, dass die finanziell abgesichert sind, mit echtem Geld auf der Bank. So ein Unternehmen sollte eine Homebase in UK haben. Während des Acceleration-Prozesses muss dieses ehemalige Start-up china-ready gemacht werden. Als ich meine eigene Firma „chinafertig“ gemacht habe, hat das ganze 2 Jahre gebraucht, um allein das Management fit zu bekommen - und wir haben über 2 Millionen Pfund investiert! Zu viele Leute kommen nach China und sind eben nicht china-ready.

Apropos, wenn früher Firmen aus UK nach Boston gingen, dann dachten die auch, alles wäre einfach. Die Realität ist aber eine andere. Und nun China. China hat 31 Provinzen. Die UK-Firmen müssen verstehen, dass die teilweise wie 31 Länder agieren. Hinzu kommen ca. 130 ethnische Dialekte. Dann muss man auswählen, an welchen Platz man geht usw. Alles das zu verstehen, heißt, chinafertig zu sein.



Tetzlaff: In Cambridge gibt es sehr viele chinesische Studenten und einige haben ein kleines Business laufen. Aber diese Unternehmen bleiben meist in dieser Größe stecken und entwickeln sich im Westen nicht weiter. Warum ist das so?

Barrell: Im Prinzip gilt für die Chinesen das gleiche nur umgekehrt. Die müssen ‚western-ready“ gemacht werden. Aber es gibt ein paar entscheidende Unterschiede. Ich hatte gerade mit einer kleinen chinesischen Firma aus Cambridge zu tun. Zwei Leute, die Sensoren für diverse IoT und ähnliches bauen. Die haben dieser Tage eine Marketingfirma hier in China gegründet – mit 25 Angestellten - die deren Produkte in China, aber auch weltweit vermarktet. Hinzu kommt, dass viele chinesische Gründer in Cambridge, nachdem sie den Abschluss gemacht haben, wieder nach China zurückkehren. Es ist in China deutlich einfacher, komplett durchfinanziert zu werden. Die Firma, die ich erwähnte, bekam ihr erstes Equity-Investment in China und nicht in UK!

Tetzlaff: In der Gründerszene gibt es viele Buzzwords. Eins davon ist Start-up. Uber z.B., wird noch heute in manchen deutschen Medien als Start-up bezeichnet. Sind sie aber meiner Meinung nach nicht. Sie sagten vorhin, wenn ein Unternehmen china-ready ist, ist es genaugenommen kein Start-up mehr. Wie setzt man diese Begriffe richtig ein?

Barrell: Ja, wir sind in dieser Terminologie wirklich schlecht. Wir sprechen von Spinner, Start-ups, Early Stage ... usw. Early Stage Venture Capitalists investieren jedoch nicht in Early Stage Companies. Die warten auf deren erste Einnahmen, um eine Entscheidung zu fällen. Wir verwenden eine verwirrende Nomenklatur, wenn wir über Acceleration, Incubation, Innovation sprechen. Tatsächlich sind all diese Begriffe nicht richtig klar. So weit es mich betrifft, ein Start-up ist ein Start-up im wörtlichen Sinne, also z.B. weniger als 3 Jahre alt.

Wichtiger ist jedoch, dass Start-ups, wenn es ihnen nicht gelingt zu wachsen, also zu skalieren, keinen Beitrag zur Nationalökonomie leisten. Daher habe ich in meinem Vortrag den Begriff Scale-up verwendet. Wenn diese Unternehmen wirklich anfangen zu skalieren und auch ganz klar ein globales Potential bekommen, dann sind sie auch auf dem Weg china-ready zu sein oder gemacht zu werden. Und ich würde das Gleiche zu den chinesischen Firmen sagen, die in den Westen expandieren wollen.  

Fertig sein für den Markt, vorbereitet sein zu skalieren, finanzielle Ressourcen zu haben, sind die wesentlichen Voraussetzungen, um nach China oder eben in den Westen zu gehen.



Tetzlaff: UK war niemals ein Teil von Schengen. Visatechnisch wird sich für die Chinesen nach dem Brexit nicht viel ändern. Wie groß wird der Einfluss des Brexit auf die sino-britischen Beziehungen sein?

Barrell: Ich denke, der wird gar nicht so groß sein. Während der Kampagne zum Referendum hat das chinesische Gov. mit einigen von uns gesprochen. Sie sagten uns, wir hoffen, dass ihr in der EU bleibt, aber das britsche Volk wird es entscheiden. Für die Chinesen war UK in einer bestimmten Weise eine Brücke nach Europa. Es gibt nach Ansicht vieler Chinesen eine hohe Kompatibilität zu den Briten, angefangen mit der Sprache. Hinzu kommt, dass London als Finanzzentrum nicht nur für die Chinesen wichtig war. Nun, das Referendum hatte nicht das erhoffte Ergebnis.

Jetzt strengt sich das britische Gov. sehr an - man sieht überall in China die britischen Konsuln herumreisen. Das UK-Gov erwartet und möchte eine engere Beziehung zu China. Unsere Exporte nach China waren nie besonders gut. Das kleine Irland ist da viel besser und Deutschland erst recht. Man wird sehen. Ich denke, dass Fin-Tech-Unternehmen reale Chancen haben werden, von dieser Situation zu profitieren.

Tetzlaff: UK, Frankreich, US und Deutschland haben eine Geschichte in China, die nach wie vor bei den Chinesen nicht vergessen ist. Es gab kürzlich wieder eine Sothebies-Auktion in Kent, auf der Raubkunst aus dem Sommerpalast versteigert wurde. Fühlen Sie diesen Schatten in China im täglichen Geschäft?

Barrell: Nein, nicht auf dem direkten Weg. Aber ja, ich bin mir dieser Historie bewusst und mein chinesischer Counterpart natürlich erst recht. Ich versuche Problemen mit Transparenz zu begegnen, um gar nicht erst Misstrauen aufkommen zu lassen, das dann evtl. auf einer solchen Ebene landet. Man muss sich bemühen, diese Hürden zu überwinden und vielleicht einmal mehr zu erklären, was man denn eigentlich meint.

Hinzu kommt, nach Xi Jinpings Besuch in UK und bei der Königin, hat sich einiges geändert. Es fühlt ich im Moment ganz gut an. Die Sensibilität zu bestimmten kulturellen Fragen ist enorm wichtig und das muss auch verstanden werden. Unabhängig von dem Fakt, dass man diese Erinnerungen an unsere düsteren Zeiten in China bewahren will und auch wird.

Ich will das aber etwas weiter fassen. Als Lehrer in Cambridge habe ich viele chinesische Studenten. Für die bin ich nicht nur ein Lehrer für eine bestimmte Zeit, sondern ein Freund und eine Respektsperson für das ganze Leben. Diese persönliche Freundschaft und Loyalität begeistert mich natürlich.



Tetzlaff: Seit über 30 Jahren entwickelt sich China immer mehr zum Positiven. 600 Millionen Menschen wurden aus der Armut befreit, der allgemeine Wohlstand wächst und es gibt viele Beispiele mehr. Aber Bäume wachsen nicht in den Himmel. Wie denken Sie, wie wird sich das Wachstum in China gestalten?

Barrell: China ist groß und es gibt noch immer ein enormes Potential, welches nur darauf wartet, aktiviert zu werden. Ich denke, das Wachstum wird weiter vorangehen. Vor 20 und noch vor 10 Jahren wurde etliche Bücher geschrieben, die den Kollaps der chinesischen Wirtschaft zum Inhalt hatten. Aber nichts passierte. Die Wachstumsrate ist nicht mehr 10%, sondern nur etwas um die 7% herum, aber das sind 7% auf einem deutliche höheren Niveau. Z.Z. wird sehr viel Geld in Forschung und Entwicklung investiert, um die Technologie- und letztlich Marktführerschaft in vielen Bereichen zu übernehmen. Das ist alles sehr innovativ.

Ein Freund von mir, Georges Haour, schrieb darueber ein interessantes Buch, das auch auf Chinesisch erschienen ist: „Created in China: How China is Becoming a Global Innovator“. Viele Leute versuchten und versuchen mir zu erklären, dass Chinesen nicht innovativ seien. Schaut man sich die Geschichte Chinas an, dann hat das Land der Menschheit die größten Innovationen, die wir jemals hatten, gegeben. Ich denke eher das Gegenteil, dass China extrem innovativ ist und nochmehr sein wird. Sie setzen sich ja selbst in der Computerscience an die Spitze.

Innovation ist der Schlüssel. Schauen Sie sich die Kameraindustrie der 50er, 60er Jahre an, die vor allem in Deutschland und der USA stattfand. Dann entwickelten die Japaner ein vorhandenes Verschlusssystem (Schlitzverschluss) weiter und liessen alle anderen zurück. Heute gibt es neben Leica keine nenneswerte Kameraindustrie mehr in DE. Und Kodak ist ein fantastisches Beispiel für den Effekt einer Disintermediation in der Industrie. Die sind völlig zerstört, weil sie nicht innovativ genug waren. Ich hab das in vielen anderen Firmen gesehen und zum Teil selbst erlebt. Ein Absturz von beinahe 100% Marktdurchdringung zu 0% in sehr kurzer Zeit.

Aber Japan zeigt auch, wie es nicht gehen sollte. Man hat es dort versäumt, seine Human Ressources zu internationalisieren. Wir haben mittlerweile kaum noch japanische Studenten in Cambridge. Schaut man auf die Unis in Europa, in UK oder in US, überall sind Chinesen. Der Economist schrieb unlängst darueber: 80% der chinesischen Graduierten werden wieder nach China gehen. Diese Jugend teilt einen chinesischen Traum. Umfragen in DE und UK bestätigen, dass viele der dortigen Jugendlichen ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufgegeben haben.

Um China mach ich mir keine Sorgen. Sorgen hab ich, wenn ich nach UK oder in die EU schaue.

Sven Tetzlaff


 

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