Die Textilindustrie und die mit ihr verbundenen Branchen befinden sich in China in einem grundsätzlichen Wandel.  Neue Technologien und deren Siegeszug in allen Bereichen des Lebens, mischen die Karten neu.

Denkt man an Textilindustrie in China, kommt einem unweigerlich „Seide“ in den Sinn. Die Geschichte der Seide, der Seidenhandel und die vielen Geschichten um diese Textilie, haben mehr als 2,000 Jahre das textile Bild von China geprägt. Der erste Seidenfund, das Grabtuch eines Kindes, wurde vor 5,648 Jahren hergestellt.



Fährt man heute mit dem CRH durch das Yangtze-Delta, sieht man die ausgedehnten Maulbeerbaumplantagen, die heute überwiegend von kleineren Familien bewirtschaftet werden. Auch heute spielen die Seidenherstellung und der Handel mit den Produkten eine große Rolle, aber längst nicht mehr die, wie noch zu Marco Polos Zeiten. Der Schwerpunkt der Textilherstellung findet sich heute längst in anderen Bereichen - z.B. in der Nonwoven-Produktion (Vliesstoffe).



Aber auch die Textilindustrie selbst hat sich die letzten Jahre in China fundamental verändert. Es gibt zwar noch immer die großen OEM-Fertiger für bekannte europäische und amerikanische Marken, aber ein Großteil der Karawane ist längst nach Vietnam, Bangladesch, Myanmar weitergezogen. Dies geschah weder unbeabsichtigt noch ungewollt. Die Textilindustrie hat den sprichwörtlichen Ruf, „Dirty&Thirsty“ zu sein. Beides kann sich China nicht mehr leisten. Die direkten und indirekten Kosten zur Bewältigung der Verschmutzung und des Wasserbrauchs der Textilindustrie überstiegen bei der billigen und schnellen Massenproduktion bei weitem den Anteil der Textilindustrie am GDP.



2014 postulierte Premier Li Keqiang den ‘War on Pollution’[1]. Mit dieser Erklärung wurden zahlreiche Gesetze, Pläne und Richtlinien verabschiedet. China hat z.Z. 10  Industriezweige benannt, die von einer linearen zu einer zirkularen Ökonomie (Kreislaufwirtschaft) transformiert werden sollen. Einer davon ist die Textilindustrie. Eine derartige Transformation ist in dieser Größenordnung bislang beispiellos und stellt die Industrie in China vor etliche Herausforderungen. Die Chance ist natürlich, dass auf diesem Wege Innovationen angestoßen werden, die sich später im Export nutzen lassen. Selbstredend, dass einige Hersteller nicht geneigt sind, von ihrer bisherigen Produktionsweise abzuweichen und entsprechend auf Produktionsstandorte mit deutlich weniger ambitioniertem rechtlichem Frameworks ausgewichen sind. Ob die Entscheidung sinnvoll war, wird sich zeigen. Denn China ist kein Herstellerland ohne nennenswerten Absatz mehr, sondern verfügt über einen der attraktivsten Märkte überhaupt. Und das gilt ganz besonders für die Textil- und Modebranche.



Die Kreislaufwirtschaft erfordert z.T. völlig neue Geschäftsmodelle. Und hier könnte eine weitere chinesische Entwicklung zum Gamechanger werden. Während sich in Europa der Einzelhandel als natürlichen Feind des Onlinehandels versteht, sind die Karten in China völlig anders gemischt. Taobao, T-Mall, Alibaba usw., inklusiver all ihrer Satteliten wie Alipay, WeChat, AntFinancial ... sind Plattformen FÜR den Einzelhandel. Sie erfüllen das Versprechen, dass es auch im Westen gegeben hat, dass jeder sein eigenes Geschäft haben kann. Im Westen führte das innerhalb kürzester Zeit zur Monopolisierung – in China nicht. Heute verlassen immer mehr Läden die Virtualität und präsentieren ihre Waren in stylischen Umgebungen, wo man sie sich ansehen, anfassen, probieren kann und die dann online bestellt und direkt nach Hause geliefert werden. In Hangzhou gibt es ehemalige Industriebrachen, die nun umgewidmet wurden und von zahllosen innovativen und qualitativ hochwertigen Labels bezogen wurden. Es verging nur wenig Zeit, bis sich in dem Umfeld auch andere Künstler, Designer, Agenturen, Restaurants dazustießen. Es ist heute schon so, dass ein Label in China ohne das Onlinegeschäft nicht mehr denkbar ist. Die Vorstellung, dass es z.B. in Berlin ein Quartier gibt, in dem man sich die Waren anschauen kann, online bestellt und bezahlt und nach Hause geliefert bekommt, ist nur schwer vorstellbar. Es gibt weder Einzelhandelsplattformen wie Taobao, T-Mall, JD ... noch bargeldlose und unkomplizierte Bezahlmöglichkeiten wie WeChat, Alipay usw. und nur sehr rudimentär die Lieferservices wie SF und andere. Der übliche und weitgehend alternativlose Weg in EU/US, Amazon→Kreditkarte/Bankeinzug→DHL, funktioniert in Deutschland zwar, aber nicht in Koexistenz bzw. in Befruchtung mit dem Einzelhandel. Was jedoch wichtiger ist, das westliche Modell hat sich längst zu weit von den chinesischen Möglichkeiten entfernt. Will man in den chinesischen Markt, muss man die Spielregeln und Möglichkeiten in China kennen. Dazu gehören nicht nur die (online)Verkaufs- und Bezahlstrukturen, sondern auch das (online)Marketing und die gesamte Unternehmenskommunikation in China. Harlan Bratcher (Global Business Development Head for fashion at JD.com) hat den chinesischen Markt einmal sehr griffig zusammengefasst: „100 countries with 1.4 billion people who exist in a cashless, digital culture in which change happens by the second.”



Umgekehrt sieht das ganz anders aus. Den chinesischen Labels fällt es mit den Erfahrungen aus China relativ leicht, weltweit Fuß zu fassen. Simon Collins konstatierte im April 2019, „New York Fashion Week is practically 30 percent Chinese now.“ Doch die chinesischen Designer haben schon lange keine Lust mehr, den Trends aus Paris, New York oder Berlin hinterherzuhecheln, sie setzen zunehmend eigene Trends und bestimmen Strömungen innerhalb der internationalen und chinesischen Modeszene. Die einflussreiche Mode-Bloggerin Mary Wang fragte provokativ, “Do they want to dethrone LVMH[2], do they want to dethrone Zara, do they want to create something very specific to their local Chinese sub-culture? The message is clear: Chinese brands no longer have to emulate typical big European names. They are establishing a fashion system of their own.“



Die Zusammenhänge zwischen staatlichen Regelungen, gesellschaftlichen Veränderungen und die Transformation in der Modeindustrie erschließen sich erst nach einem genaueren Blick auf die gesamte Thematik. Noch komplizierter ist es in den anderen Bereichen der Textilindustrie bis hin zum Textilmaschinenbau.

Sven Tetzlaff

[1] China Water Risk article, “The War On Water Pollution”, Debra Tan, 12 March 2014
[2] Moët Hennessy Louis Vuitton

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