Das Yangtse-Delta ist eines der am dichtesten bewohnten Gegenden der Erde. Auf einer relativ kleinen Fläche von 99,600km2 (BRD 357.578,17km2) kommen 115 Millionen Einwohner (BRD 83 Millionen). Umso unvorstellbarer, dass es auf dieser Fläche zahlreiche Nationalparks gibt und darunter einige Gegenden, die bei Chinareisenden als echte Geheimtipps gehandelt werden.

Einer dieser – nicht mehr so ganz geheimen Tipps – liegt im Changxing County. Changxing gehört nicht zu den bekanntesten Regionen des Yangtse-Deltas. Dennoch haben viele Menschen unbewusst Bilder aus County gesehen. Die Bilder (und Videoschnipsel) der herbstlichen Ginkgobäume zieren beinahe jede Chinamarketing-Broschüre. Meist ist die 12.5km-lange Ginkgo-Straße abgebildet. Die Straße und die anliegenden Parks zählen ca. 30,000 Ginkgo-Bäume. Allein 2,700 Bäume sind älter als 100 Jahre. Besonders beeindruckend ist der Anblick dieser Straße im Oktober/November, wenn die Blätter des Baumes gelb und die Früchte reif werden.

Nach Überlieferungen sollen mehrere Kaiser der chinesischen Geschichte diesen Ort besucht haben. So z.B. der erste Kaiser der Han Dynastie, Liu Xiu. Dieser hatte sich insgesamt 8 Mal in der Region versteckt, weil seine Gegner ihm nach dem Leben trachteten. Aus dieser Geschichte  resultiert der Name des Alleen-Dorfes „Ba Duo Ka“. Auch der Kaiser der Nan-Dynastie Chen Baxian hat hier seine Zeit verbracht – mit Angeln.
Ginkgo hat in China mehrere Namen, „Bai Guo“ (Weiße Frucht, 白果) z.B. oder „Entenfuß“ (鸭脚树) aus naheliegenden Gründen. Besonders schön ist der Name „Großvater-Enkel-Baum“ (公孙树), der auf die lange Zeit anspielt, die der Baum braucht, bis die ersten Samen entstehen.



Ginkgo ist in der Tat ein lebendes Fossil. Sein Ursprung reicht bis ins Perm vor 270 Mio. Jahren zurück. Die Pflanze ist in China heimisch. Der Ginkgo-Wald in Ba Duo Ka besteht z.T. aus wildem Ginkgo und später angepflanzten Bäumen. Nach Europa kam die Pflanze um das Jahr 1730. Von da an wurde der Baum schnell in Europa populär. Das wichtigste Marketing lieferte wieder einmal der Naturforscher und Dichter Johann-Wolfgang von Goethe. Er schrieb 1815 das Gedicht „Ginkgo Biloba“, welches er seiner Freundin Marianne von Willemer widmete.
 
Die kulturelle Bedeutung der Pflanze in China ist nicht soweit ab von Goethes Idee. Auch in China gibt es die Bedeutung des Herzens als Liebessymbol. Die herzförmigen Blätter deuten in diese Richtung. Hinzu kommt die Deutung als Fruchtbarkeits- und Familiensymbol aufgrund der Zweigeschlechtlichkeit der Bäume sowie der Verflechtung des Wurzelwerks. In manchen Regionen ist es üblich, dass junge Familien einen Ginkgobaum in ihren Hof pflanzen.



Neben dieser symbolischen Bedeutung des Baumes in China, haben die Menschen schon vor langer Zeit den therapeutischen Nutzen verschiedener Teile der Pflanze erkannt bzw. vermutet.

Der bekannte Apotheker der Ming-Dynastie Li Shizhen schrieb: „Ginkgo geht durch die Lunge, ist gut für die Milz, beruhigt den Husten, erzeugt Schleimfluss, desinfiziert und ist ein Insektizid.“

Nach modernen medizinischen Studien kann Ginkgo Ablagerungen in Gefäßen abbauen, verbessert die Gehirnfunktion und verzögert den Prozess der Gehirnalterung. Es kann die Erinnerungsfähigkeit stärken und die Blutversorgung des Gehirns verbessern. Weiterhin soll es:

•    den Cholesterinspiegel senken.
•    Ginkgo Biloba Präparate und hypoglykämisches Mittel können als Hilfsmittel bei Diabetes eingesetzt werden.
•    Ginkgo kann Symptome wie Menstruationsbeschwerden und Rückenschmerzen lindern.
•    Anti-Tuberkulose: Ginkgo Oleracea hat eine hemmende Wirkung auf Mycobacterium tuberculosis. Frische Früchte, die in Salatöl getaucht werden, haben einen gewissen Effekt auf die Verbesserung der Symptome wie Fieber, Nachtschweiß, Husten, Hämoptyse und durch Tuberkulose hervorgerufener Appetitverlust.
•    Bakteriostatisch und bakterizid: Die in Ginkgo enthaltene Ginkgosäure, hat durch Versuche antibakterielle und bakterizide Wirkungen gezeigt und kann zur Behandlung von Atemwegsinfektionen oder bei Pilzinfektionen verwendet werden.



Zu einem großen Teil konnten die in der TCM (Traditionelle chinesische Medizin) beschriebenen Wirkungen durch moderne Studien bestätigt werden. Was nicht allzu sehr verwundert, denn die TCM ist entgegen häufiger Ansicht im Westen, eine wirkstoffbasierende Medizin. Mit der Wirkungslosigkeit (abgesehen von psychologischen Effekten) der Homöopathie hat die TCM nichts zu tun – gleichwohl das Medizinmodell der TCM sich von dem der modernen Medizin unterscheidet. Die Evidenz der Wirksamkeit musste in der TCM über einen langen Zeitraum nachgewiesen werden. Die meisten Chinesen nehmen es pragmatisch und kommen mit diesen zwei Medizinsystemen gut zurecht. Kleinere Probleme, sowie in der Prophylaxe, aber auch in der Rekonvaleszenz nutzt man gerne und schnell die TCM – in anderen Fällen die moderne Medizin. Eine ideologische Überlagerung, wie man sie im Westen kennt, findet fast gar nicht statt.



Der Vorteil dieser Sichtweise wird vor allem im Alltag sichtbar. Fast immer, wenn man mit chinesischen Freunden Essen geht oder auf den Märkten einkauft, weisen sie auf diese oder jene therapeutische Wirkung der Zutaten - laut TCM – hin. Und im Falle des Ginkgos kennt jedes Kind die Nebenwirkungen bei Überdosierungen oder deren generellen Seiteneffekte. Das Gleiche gilt für Bambus, verschiedene Kräuter und so weiter. Dieses traditionelle Wissen findet sich (noch) in beinahe jeder chinesischen Familie. Ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo dieses Wissen nicht mehr parat ist und wo somit der Quacksalberei Tür und Tor geöffnet ist. Die boomende Industrie der Nahrungsergänzungsmittel ist ein beredtes Zeugnis.



Um etwas mehr über das Spannungsfeld TCM, moderne Medizin und Ginkgo zu erfahren, haben ich Tim Vukan angesprochen. Tim hat in Hangzhou TCM studiert und pendelt jedes Vierteljahr zwischen Hamburg und Hangzhou, wo er seine Firma Wushan-TCM hat.


Interview

Sven Tetzlaff, Kathai Media: Kannst du uns mal einen kurzen Überblick über TCM geben und deren Stellung im chinesischen Gesundheitswesen?

Tim Vukan, Wushan-TCM: Ein wichtiger Unterschied zu uns im Westen ist, dass wir im erst 5vor12 zum Arzt gehen und dann der Meinung sind, dass der Arzt, eine eventuell schon fortgeschrittene Erkrankung, möglichst schnell behandeln soll. In der TCM wird die Vorsorge großgeschrieben. Z.B. über die Ernährungsheilkunde, in der vermittelt wird, dass in jeder Arznei ein Stück toxische Wirkung enthalten ist. Die Ernährungsheilkunde ist schon daher ein sehr grosser Teil der TCM, da wir ja nun mal jeden Tag mit Essen und Trinken in Verbindung stehen. Aus diesem Grund wird in Restaurants in China immer heisses Wasser aufgetischt, da man annimmt, dass der Magen unser Essen und Trinken nicht extra erwärmen muss und wir somit nicht vorab Raubbau an unserem Energiehaushalt treiben. Wir helfen damit unserem Körper. Zusätzlich zu der Ernährungsheilkunde bzw. -Kunst gibt es dann noch die Bewegungsheilkünste wie Qigong oder Tai-Chi-Chuan und weitere. Wenn man dies alles in einen Begriff fasst, dann nennt man das Yang Sheng(養生) - das Leben zu pflegen. Dies ist das Konzept der chinesischen Gesundheitsfürsorge - das man gesund bleibt und gar nicht erst an einer Erkrankung schaden nimmt. Früher waren die besten chinesischen Ärzte die Ärzte, deren Patienten gar nicht erst krank wurden, die den Patienten dieses Wissen vermittelt haben, wie sie gesund bleiben.



Man kann natürlich sagen, dass es das in der westlichen Gesellschaft auch gibt, z.B. über Sport, gesunde Ernährung usw., aber es ist doch mal ein anderer Ansatz, wie man den Menschen und die möglichen Erkrankungen betrachtet.

Kathai: Wenn man mit Chinesen Essen geht, dann fragt man gelegentlich, „Was ist das?“ Dann erhält man oft nicht eine direkte Antwort, sondern, „Das ist gesund!“ M.E. ist die chinesische Medizin derartig in der Kultur verwurzelt, dass man bei allem was man isst, trinkt, wo man sich gerade befindet, bis hin zu wie man geht, immer einen gesundheitlichen Aspekt enthält. Kannst du das so bestätigen?

Tim Vukan: Ja, das ist schon so. Die Menschen wachsen ja mit diesem Wissen und der Tradition auf. Jedes Kind weiß, dass man einer drohenden Erkältung mit Ingwer und braunem Zucker begegnet, sich dann ins Bett legt und so die Erkältung „ausschwitzt“. Dieses Alltagswissen gibt es zu den unterschiedlichsten Bagatellerkrankungen. In der TCM wird nochmals differenziert. Natürlich entsprechen diese Hausmittelchen nicht immer den empfohlenen Behandlungen der TCM, sondern resultierten oftmals aus Erfahrungen in der Familie oder ist regional unterschiedlich. Diese „Alltagsmedizin“ ist nicht unbedingt deckungsgleich mit der TCM.

Kathai: Damit kommen wir langsam zu unserem eigentlichen Thema, dem Ginkgo und der TCM und deren Karriere in Europa. Das betrifft ja auch andere Ingredienzien, die man heute unter dem selten dämlichen Begriff „Superfood“ subsumiert werden. Mir kommt es so vor, als wenn da wöchentlich eine andere Sau durchs Dorf getrieben würde. Hast du auch diesen Eindruck?

Tim Vukan: Ja klar! Nehmen wir die Goji-Beere, die seit grauer Vorzeit zur chinesischen Küche und zur TCM gehört, dem Ling-Zhi-Pilz (Ganoderma), dem Kurkuma, schwarzer Knoblauch und so weiter. Wenn eines dieser Superfoods im Westen gehypt wird, dann schaut man dort immer nach den Inhaltsstoffen, welche Vitamine, Kalzium, Magnesium ... welche Wirkstoffe da drin sind. Die TCM geht anders vor. Sie unterteilt die Zutaten, sei es z.B. Kurkuma, danach, ob es „wärmend“ ist oder „schleimaustrocknend“ und so weiter. Das führt zum Teil zu ungeahnten Blüten, wenn man sich z.B. die Chili- oder Ling-Zhi-Schokolade anschaut, wo die Zusammenstellung der Zutaten der TCM direkt widerspricht.
Ein wichtiges Prinzip der TCM ist, dass alle „Geschmäcker“ wie adstringierend, scharf, süß, sauer, bitter und salzig, sowie die Temperatur, heiß, kalt oder temperaturneutral eine Wirkung haben.



Was die Goji betrifft, nach der TCM ist die gut für die Nieren, Leber und die Augen. Ich esse selber seit meinem 20. Lebensjahr fast täglich Goji-Beeren. Vielleicht bin ich da auch ein Beispiel, denn trotz sehr langer Ausbildung, trage ich noch immer keine Brille. Goji ist außerdem ein Tonikum und wird daher vielen Suppen in China zugesetzt. Übrigens wächst die Goji-Beere gut in meinem Garten in Hamburg.

Kathai: Kommen wir mal zum Ginkgo - was hat der uns zu bieten?

Tim Vukan: Hier unterscheidet man zwischen den Wirkungen der Ginkgosamen und den Blättern. In der TCM werden überwiegend die Früchte verwendet. Diese Samen werden als leicht süß, bitter, adstringierend(zusammenziehend), temperaturneutral und leicht toxisch beschrieben. Bei zu grosser Einnahme kann es zu Unwohlsein, Schock oder gar dem Tod führen. Der Arzt muss die Dosis nach einer gründlichen Diagnose festlegen.
Für die TCM ist die Wirkung auf die „Blut-Stase“ interessant. Unser Gehirn ist gut durchblutet und der Fluss des Blutes kann durch Ablagerungen beeinträchtigt sein. Der Ginkgo hat genau die Wirkung der Auflösung dieser Ablagerungen. Allerdings gibt es nach der TCM nicht nur den Fluss des Blutes, sondern man spricht auch von den Leitbahnen, in denen das „Qi“ fließt. Es gibt noch weitere Wirkungen, wie z.B. die Schmerzlinderung, Fettabbau, auf Asthma usw. Die TCM geht nun bei und führt all diese Wirkungen auf die Grundfunktion, in diesem Fall „blutbewegend“ zurück. Man verfolgt das Konzept, nicht nur die eine Erkrankung zu heilen, sondern wie hier die Ursache der Blut-Stase zu öffnen. Man ahnt schon, dies ergibt sehr viele Möglichkeiten in der Behandlung.
Dies ist auch der Grund, warum Ginkgo in China gar nicht so prominent bei der Behandlung von Demenz eingesetzt wird. Es gibt daneben viele andere Arzneien, die ähnliche oder verträglichere Wirkungen haben.

Kathi: Ich halte mal fest, dass Ginkgo nicht harmlos ist, Goji wiederum schon. Doch diese und andere Ingredienzien schwappen nach Europa und werden dort dankbar von der Esoterik aufgesogen, ohne den ganzen Überbau der TCM in Europa auch nur im Ansatz verstanden zu haben, welche aber dennoch großspurige Heilsversprechungen macht. Wie siehst du diese Entwicklung?

Tim Vukan: Ja, das seh ich genauso kritisch und auch als Problem an. Wenn ein Westler nach China kommt und dann sieht, „Ach es gibt ja hier ein tolles Heilmittel und das könnte ja auch in der Heimat funktionieren“, dann passiert es oft, dass man Versatzstücke der TCM als Ideen vermarktet. Dann tauchen eventuell Probleme auf. In der TCM ist es in der Tat so, dass nie ein Wirkstoff, sei es Ginkgo, Goji oder Ling-Zhi, jemals allein verschrieben werden, sondern immer in der Kombination mit anderen Arzneien. Und zwar nach einer gründlichen Anamnese durch einen Arzt, um die Nebenwirkungen zu minimieren. Denn Nebenwirkungen gibt es ja, wie ich oben erläutert habe, bei wirksamen Medikamenten immer. Am Ende fällt das auf die TCM als Ganzes zurück, welche damit aber nichts zu tun hat.

Hinzu kommt das fundamentale Missverständnis, dass man die TCM durch das westliche Medizinverständnis zu erklären versucht. Ein Beispiel: Wenn ein Mensch in China Kopfschmerzen hat, dann sucht die TCM nach den Ursachen und man entdeckt Organfunktionen, die in Mitleidenschaft gezogen wurden. Z.b. durch die Lebensweise oder psychische Belastungen wie Stress usw. Wenn man diese organische Ursache gefunden hat, dann behandel ich die Organfunktion. Zur Therapie gehört nicht das Mittel gegen den Schmerz (was sich nicht ausschließt), sondern ich versuche die Organfunktion - soweit möglich - wieder herzustellen. Aus diesem Beispiel wird klar, dass man sich hier nicht einfach eine Arznei aus dem vermeintlichen TCM-Baukasten herausnehmen kann. Die TCM wird immer in einer Formula aus z.B. 6-8 unterschiedlichen und miteinander agierenden Arzneien verschrieben.

Hinzu kommt, dass jeder Mensch unterschiedlich ist. Wir können z.B. nicht jedem Menschen einfach Ginseng verschreiben. Angenommen ein deutscher Supermarkt würde heute ein Allround-Ginseng-Produkt anbieten. Dann würden sich vielleicht 3 von 10 Leuten besser fühlen, aber bei 2 Leuten verschlechtert sich die Situation. Die TCM-Medikamente sind nun mal keine Süßigkeiten. Wobei der Supermarkt schon gut beraten wäre, die Dosis niedrig zu halten. Am Ende heißt es dann, dass die TCM nicht wirkt.

Ich persönlich halte es für ausgesprochen schwierig, in Europa mal so nebenbei die TCM mitzunehmen. Es fehlt die Aufklärung darueber, dass die TCM ein in China anerkanntes Medizinsystem ist. Ich denke das das Fachpersonal in den Apotheken und Praxen in Europa noch mehr Interesse auf eine langjährige TCM Aus- und Weiterbildung wert legen sollte.

Kathai: Vor diesem Interview haben wir beide eine Apothekentour in Hangzhou gemacht und haben versucht auf diesem Wege Formulas zu bekommen, die Ginkgo enthielten. Die Apothekerin klärte uns auf, dass wir vorab zu einem Arzt gehen müssten, der sich uns unter die Lupe nimmt und dann über die Präparate entscheidet. Ich kann natürlich auch die Früchte auf dem Markt oder beim Erzeuger kaufen und mich dann selber therapieren.

Tim Vukan: Ja genau, es gibt da einen gewissen Prozess, den man einhalten muss. Man wird befragt, was man so hat, man zeigt seine Zunge, lässt sich den Puls nehmen und so weiter. Und erst nach diesem relativ langen Gespräch stellt der Arzt eine Diagnose. Aufgrund dieser empfiehlt er eine Formula, die ich dann in der Apotheke anfertigen lassen muss.

Wenn ich mich selbst diagnostiziere und therapiere, kann ich evtl. - wie im Falle Ginkgo oder Ling-Zhi - zu sehr starken Drogen greifen, die am Ende mehr Schaden als Nutzen anrichten. Obwohl man im Volk weiß, dass man z.B. niemals mehr als 10 Ginkgofrüchte essen darf.   
Ich will die Variante des Selbsttherapierens oder besser der Vorsorge gar nicht verteufeln. In Deutschland sind die Regale ja voll mit diversen Arzneien. Wir sind eigentlich bestens ausgestattet, nur fehlt oftmals das Verständnis und das Wissen um die Komplexität des TCM-Medizinmodells.



Kathai: In meiner Familie ist es oft so, dass wir bei kleineren Sachen zuerst die traditionelle Medizin nutzen und wenn wir merken, dass sich kein Erfolg einstellt die Behandlung mit der modernen Medizin erweitern. Niemand in der Familie sieht einen „antagonistischen“ Widerspruch zwischen den beiden Systemen, sondern eher eine sinnvolle Ergänzung. Die Chinesen sind in der glücklichen Lage, dass sie zwei funktionierende Medizinsysteme haben, an denen sie sich alternierend bedienen können. In Deutschland haben wir das in der Ausprägung nicht. Wenn ich an der TCM partizipieren will, was kann ich dann tun?

Tim Vukan: Ja genau. Nur ist das mit der TCM in Europa ungleich schwieriger, jemanden zu finden. Sicher sollte man sich erstmal über den eigenen Gesundheitszustand informieren. Dann sollte einem bewusst sein, dass wenn man tatsächlich krank sein sollte, der Weg zur Gesundheit ein langer Weg sein wird. Jemand der z.B. bei einer chronischen Erkrankung schnelle Heilung inklusive Rekonvaleszenz in Aussicht stellt, ist zumindest mit Skepsis zu begegnen.

Dann wird man selbst in Deutschland gute TCM-Ärzte und TCM-Heilpraktiker finden, die in der TCM gründlich ausgebildet worden sind. Es gibt da verschiedene Datenbanken wie z.B. bei AGTCM, die man erstmal anlaufen kann. Dann weiß man leider immer noch nicht, ob diese die TCM in China über einen längeren Zeitraum studiert und praktiziert haben oder nur an der Grundausbildung der TCM teilgenommen haben. Eine vernünftige Kommunikation mit dem Arzt oder TCM-Heilpraktiker hilft, das nötige Vertrauen aufzubauen.
Gleichzeitig stelle ich fest, dass die „Awareness“ zur TCM oder der Gesundheitsvorsorge, wie man sie in China versteht, stark angestiegen ist. Es passt heute einfach nicht mehr, diese Haltung, dass man 5vor12 zum Arzt geht und meint, der wirds schon richten. Heute ist aktive Vorsorge von uns gefordert. Und wenn man dies erst mal erkannt hat, dann macht es auch Spaß, sich selber etwas Gutes zu tun. Es geht nicht um die Askese, sondern um den Weg der Freude.

Kathai: Wir beide kennen die Medizintouristen, die nach China kommen, um hier eventuell Heilung zu erfahren. Das sind z.B. austherapierte Krebspatienten, die durch die Verzweiflung getrieben sind, aber auch weniger dramatisch, chronisch Erkrankte. Was hältst du davon?

Tim Vukan: Ganz allgemein: Ich find es gut, wenn sich jemand auf dem Weg macht und sich intensiv mit seiner Gesundheit bzw. Krankheit auseinandersetzt. Mal ganz egal ob zuhause oder unterwegs. Es ist für mich ein Zeichen der Übernahme von Verantwortung. Wenn man dann nach China kommen sollte, gibt es wirklich sehr viele Probleme an denen Patienten scheitern. Sei es die Sprache, das Geld, anderes Essen, kulturelle Unterschiede usw. Hinzu kommt die Gefahr, dass man Scharlatanen auf den Leim geht. Außerdem sollte man - egal wie schwierig die Umstände sind - keine unrealistischen Erwartungen haben.

Ich hab schon selber Patienten hierher geholt und hier behandeln lassen. Die waren begeistert. Vielleicht nicht nur wegen der TCM, sondern auch, weil sie mal aus ihrer gewohnten Umgebung und dem dem gewohnten Trott herausgerissen wurden.

Kathai: Kommen wir zu unserem Ausgangspunkt zurück. Die Ginkgo-Präparate liegen in den Apotheken, Supermärkten und Reformhäusern in Deutschland herum. Was soll man denn nun den potentiellen Käufern sagen - „lasst das liegen“ oder „kauft ruhig weiter“?

Tim Vukan: Grundsätzlich spricht nichts gegen den Kauf, aber ich möchte trotzdem sagen, man sollte generell keine Medizin über längeren Zeitraum einnehmen, wenn man keine Diagnose vom Arzt bekommen hat. Das sollte unbedingt passieren. Der Arzt muss von diesen Mitteln, die man sich so kauft, etwas wissen. Ohne Diagnose würde ich sie nicht empfehlen wollen. Voellig egal, ob es sich um einen TCM-Arzt oder nicht handelt. Wichtig ist eine fundierte Diagnose.

Tim Vukan hat an der Zhejiang Chinese Medical University (ZCMU) mehr als zehn Jahre chinesische Medizin studiert. Er begann 2004 mit dem Erlernen der chinesischen Sprache (Mandarin) und schloss sein Studium (Bachelor) und das Aufbaustudium (Master) in chinesischer Medizin an der ZCMU ab. Das gesamte Programm wurde vollständig in Chinesisch (Mandarin) unterrichtet. Tim unterrichtet jetzt chinesische Medizin an der ZCMU in Hangzhou, China.

Wushan-TCM bietet Online-Kurse, Live-Online-Meetings und eine Community für chinesische Medizin an, um Praktizierende und Studenten die chinesische Medizin nahezubringen. Alle angebotenen Kurse basieren auf Lehren von Lehrern der chinesischen Medizin und Institutionen in Hangzhou. www.wushantcm.com

Comments powered by CComment